Jahresrückblick: 1971 (Formel-1-WM)

Jahresrückblick: 1971 (Formel-1-WM)

von Michael Zeitler

Tyrrell holte sich 1971 den ersten Konstrukteurstitel als eigener Konstrukteur. Jackie Stewart wurde zum zweiten Mal Weltmister. Ein Rückblick.

| Brackley (!NS!DE-RAC!NG) - Nachdem Ferrari und Tyrrell die letzten Rennen der Saison 1970 für sich entscheiden konnten, waren die beiden Teams auch die Favoriten in der Saison 1971. Tyrrell baute 1970 erstmals die Chassis für eine komplette Saison selbst. Bisher bezog man die Boliden stets von Matra. Und die Franzosen wollten 1971 auch ein Wörtchen mitreden. Dafür holten sie Chris Amon an Bord und tatsächlich gewann der Neuseeländer auch den Argentinien GP. Gebracht hat’s aber nichts: Der Grand Prix in Buenos Aires zählte nämlich nicht zur Weltmeisterschaft. Trotzdem konnte Matra so ein Ausrufezeichen setzen. Allerdings hatte man auch Probleme: Der zweite Pilot, Jean-Pierre Beltoise, wurde die Superlizenz entzogen. So musste er beim Saisonauftakt in Südafrika zuschauen. Der Franzosen wurde für den tödlichen Unfall von Ignazio Giunti bei einem Sportwagenrennen im Winter verantwortlich gemacht.

Was vor dem Saisonauftakt in Südafrika ebenfalls Schlagzeilen machte: Das Rob-Walker-Team machte seine Pforten dicht. Das Team setzte jahrelang erfolgreich Kunden-Chassis ein, zuletzt mit Lotus. Und jahrelang fuhr man um Siege und Podestplätze. Rob Walker Racing ist damit bis heute das erfolgreichste Privatteam, das nie selbst einen F1-Rennwagen bei einem WM-Rennen einsetzte. Zwar baute Walker in den frühen 60er Jahren einmal einen eigenen F1-Renner, aber der wurde nie in der WM eingesetzt. Denn Lotus lieferte zuverlässig Chassis. Aber Ende der Saison 1970 kam Rob Walker auf den Trichter, dass man gegen das Lotus-Werksteam keine Chance mehr hätte. Auch die finanzielle Situation war nicht perfekt und so verkaufte Walker die Reste des Teams an das Surtees-Team.

Natürlich war das nur eine kleine Auswahl an Themen, die den Winter beherrschten. Mit Pratt & Whitney baute Lotus für 1971 ein Turbinenfahrzeug, das auch gelegentlich seinen Einsatz fand. Bei Brabham hörte Jack Brabham auf und verkaufte das Team an Ron Tauranac. Dazu kamen natürlich einige Fahrerwechsel.

Unverändert blieb aber beispielsweise Jackie Stewart bei Tyrrell. Und der Schotte stellte seinen Tyrrell Ford auch gleich auf Pole Position, vor Matra-Pilot Amon. Das Duell Matra gegen Tyrrell hatte aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit besondere Brisanz. Man kann das durchaus mit der Saison 2010 vergleichen. Auch das Duell McLaren gegen Mercedes dürfte 2010 das Salz in der Suppe sein, auch abgesehen von den Fahrerpaarungen, die beide Teams aufbieten. Im Rennen gab es aber kein direktes Duell zwischen Matra und Tyrrell. Denn sowohl Stewart, als auch Amon verpatzten den Start. Clay Regazzoni führte das Feld mit seinem Ferrari in die erste Runde. Hinter dem Schweizer lagen Emerson Fittipaldi im Lotus Ford und Jacky Ickx im Ferrari auf den Plätzen 2 und 3. Stewart war nur noch Achter, Amon gar nur Vierzehnter!

Mit den vorderen Plätzen hatten sie damit erst mal nichts mehr zu tun. Auftrumpfen konnte in der Anfangsphase vor allem Dennis Hulme im McLaren Ford. Er arbeitete sich schnell auf Platz 2 vor und in Runde 17 übernahm der Neuseeländer auch die Führung. Es lief alles auf einen Hulme-Sieg hinaus, aber ein Aufhängungsschaden zwang ihn zu einem Boxenstopp – 3 Runden vor Rennende! In der Zwischenzeit lag Regazzoni nicht mehr auf dem zweiten Platz. Erst John Surtees mit seinem Surtees Ford und schließlich auch Regazzonis Teamkollege Mario Andretti gingen in der Zwischenzeit an Regazzoni vorbei. Andretti überholte schließlich auch Surtees, der später ebenfalls technische Probleme bekam. Nach dem Ausfall von Hulme war Andretti in Führung und gewann sein erstes GP-Rennen in der WM, vor Stewart und Regazzoni. In der Gesamtwertung führte damit natürlich auch Andretti vor Stewart und Regazzoni, bei den Herstellern Ferrari (9), vor Tyrrell (6) und Lotus (3).

Bis zum zweiten WM-Lauf in Spanien vergingen sechs Wochen, oder anders formuliert: Drei F1-Rennen außerhalb der WM. Ferrari zeigte, dass der Sieg beim Saisonauftakt in Kyalami keine Einstagsfliege war. Regazzoni konnte nämlich ein Rennen in Brands Hatch gewinnen, Andretti den Lauf in Kalifornien, zu dem auch Fahrzeuge der Formel-5000 zugelassen waren. Der Sieg im Oulton Park ging aber an BRM – und Pedro Rodriguez. Ferrari und BRM hatten mit ihren V12-Motoren also derzeit die Überhand gegenüber der Konkurrenz mit den Ford-Cosworth-V8.

Auch in Spanien zunächst das gleiche Bild: Doppel-Pole für Ferrari mit Ickx vor Regazzoni. Im Rennen drehte sich das jedoch: Stewart war schon nach dem Start Zweiter und machte kurze Zeit später auch mit Ickx kurzen Prozess. Amon, dessen Matra-Teamkollege Beltoise wieder fahren durfte, kam ebenfalls bald auf Platz drei. Regazzoni schied später aus, Ickx konnte gegen Ende die Lücke zu Stewart wieder schließen, aber den Sieg konnte er ihm nicht mehr streitig machen. Stewart gewann also vor Ickx und Amon und übernahm damit die Führung in der WM: Stewart (15), Andretti (9), Amon und Ickx (je 6); Bei den Konstrukteuren lagen Ferrari und Tyrrell mit je 15 Punkten gleich auf, dahinter lag Matra mit 6 Zähler.

Als nächstes stand der GP in Monaco an. Zwischendurch gab es in Silverstone noch ein Nicht-WM-Rennen, bei dem auch wieder die F5000-Boliden antraten. Hill konnte das Rennen für sich entscheiden, aber auch Stewart zeigte seine bestechende Form: Er gewann Lauf eins, hatte im zweiten Lauf aber technische Probleme. In Monaco gab es die nicht: Stewart holte sich die Pole Position vor Ickx. Und noch besser: Der ärgste Verfolger in der WM, Mario Andretti, verpasste sogar die Qualifikation fürs Rennen! Im Rennen konnte Stewarts Position nicht mehr verändert werden. Ronnie Peterson zeigte dahinter im March Alfa Romeo aber eine beeindruckende Leistung und fuhr auf Platz zwei, noch vor Ickx. Der Belgier wurde damit zum neuen Titelgegner für Stewart: Stewart (24), Ickx (10), Andretti (9); Konstrukteurs-WM: Tyrrell (25), Ferrari (19), Matra, March und McLaren (je 6).

Und Ickx drehte langsam so richtig auf. Weil der Belgien GP aus dem Kalender gestrichen wurde, gab es wieder eine wochenlange Pause bis zum nächsten Grand Prix in Holland. Deshalb nahm ein Großteil des Feldes beim nicht zur WM zählenden Rennen in Hockenheim teil. Ickx gewann den Lauf. Ickx holte sich dann auch die Pole Position für den Holland GP, die er auch in einen lupenreinen Sieg umwandelte. Allerdings war der Sieg nicht einfach: Rodriguez kämpfte den gesamten Nachmittag über gegen Ickx und überholte ihn auch mehrfach. Hinzu kamen die nassen Bedingungen durch Regen. Stewart kam damit gar nicht zurecht und wurde nur 11. Ickx konnte damit in der WM aufschließen. Und auch Regazzoni holte sich mit Platz drei eine ordentliche Platzierung. Die WM-Wertung: Stewart (24), Ickx (19), Rodriguez, Peterson, Andretti (je 9); Bei den Teams übernahm Ferrari die Führung: Ferrari (28), Tyrrell (24), March, BRM (je 9).

Andretti sah den WM-Kampf schon verloren. Zwar fuhr er weiter recht gerne in der Formel-1, aber weil der Frankreich GP auch mit einem IndyCar-Rennen kollidierte, blieb Andretti in den Staaten. Die anderen beiden Ferrari-Piloten kämpften gegen Stewart und hatten im Qualifying das Nachsehen: Stewart sicherte sich vor Regazzoni und Ickx die Pole Position. Im Rennen kam es aber noch dicker: Ickx schied schon nach 4 Runden mit Motorschaden aus und Regazzoni wenig später aus demselben Grund. Allerdings hatte da nicht er einen Motorplatzer, sondern Petersons Alfa-Romeo-Motor. Regazzoni rutschte aber auf dessen Ölspur aus und war damit auch draußen. Hinter Stewart machte damit François Cevert den Tyrrell-Doppelsieg perfekt. Auf Platz drei kam Fittipaldi im Lotus ins Ziel. Fittipaldi kehrte in Frankreich hinters Steuer zurück, nachdem er in Holland aufgrund eines Straßenunfalls noch fehlte. In der WM konnte sich Stewart damit wieder Luft verschaffen: Stewart (33), Ickx (19), Rodriguez, Peterson, Andretti (je 9).

Zwar gab es zwischen dem Frankreich- und dem Großbritannien GP keine Rennen außerhalb der WM. Trotzdem nutzten die Fahrer die erneute Pause, um bei anderen Rennen an den Start zu gehen. Rodriguez kehrte von einem leider nicht mehr zurück: Der BRM-Pilot verlor sein Leben bei einem Sportwagenrennen auf dem Nürburgring. In Silverstone war die Stimmung deshalb getrübt. Trotzdem wurde weiter Motorsport betrieben. Regazzoni holte sich vor Stewart die Pole Position. Zwar waren die V12-Motoren leistungsstärker als die Motoren von Ford Cosworth, aber eben auch unzuverlässiger. Denn obwohl mit Regazzoni und Ickx am Start gleich zwei Ferrari-Piloten in Führung gingen, konnten sie das nicht in ein gutes Resultat ummünzen: Beide schieden mit Motorschaden aus. Das brachte Stewart wieder den Sieg, vor Peterson und Fittipaldi. Die WM: Stewart (42), Ickx (19), Peterson (15); Bei den Herstellern hat Tyrrell längst wieder das Zepter übernommen: Tyrrell (42), Ferrari (28), March (15).

Beim Deutschland GP holte sich Stewart vor Ickx die Pole Position. Zwar ging Ickx am Start an Stewart vorbei, aber der Schotte ließ sich nicht lange bitten und kehrte die Reihenfolge schon bald wieder um. Ickx fiel zunächst zurück und dann auch aus. Hinter Stewart machte sich Regazzoni breit, aber Tyrrell war auf dem Nürburgring nicht zu schlagen: François Cevert kam noch an Regazzoni vorbei und machte einen erneuten Tyrrell-Doppelsieg perfekt. In der WM war Stewart damit so gut wie durch: Stewart (51), Ickx (19), Peterson (17); Die Konstrukteurswertung: Tyrrell (51), Ferrari (32), March (17).

Es folgte der Österreich GP, bei dem BRM stark unterwegs war. Nach dem Tod von Rodriguez, kam zunächst Vic Elford als Ersatz ins Cockpit, ab dem Österreich GP übernahm aber Peter Gethin den Platz ein. Sein Cockpit bei McLaren Ford übernahm Jackie Oliver, der bereits phasenweise Saisonrennen in einem dritten McLaren Ford bestritt. Die neue Nummer 1 bei BRM war aber Jo Siffert. Er holte sich in Österreich auch prompt die Pole Position vor Stewart und Cevert – und setzte diese in einen Triumph um. Siffert führte dabei von Start bis Ziel und Stewart schied nach 35 Runden sogar mit einem Aufhängungsschaden aus. Weil aber auch die Ferraris mal wieder liegen blieben, war das für Stewart kein Beinbruch. Hinter Siffert wurde Fittipaldi Zweiter, Tim Schenken im Brabham Ford Dritter. Die WM blieb also vorne unverändert, nur bei den Konstrukteuren schob sich BRM nun auf Platz 3 hinter Tyrrell und Ferrari. Jackie Stewart war damit bereits drei Rennen vor Ende der WM Weltmeister!

Die letzten drei Rennen verloren durch den bereits fest stehenden Weltmeister natürlich an Brisanz. Trotzdem waren sie spannend: Denn wie sooft gewinnen plötzlich andere Fahrer, wenn der Weltmeister bereits durch ist. In Italien zum Beispiel stand Peter Gethin ganz oben auf dem Stockerl. Zu verdanken hatte er das freilich dem plötzlich recht starken BRM-Renner. BRM brachte deshalb beim Kanada GP gleich fünft Autos an den Start! Gewonnen hat trotzdem Jackie Stewart. Das Rennen wurde vorzeitig abgebrochen, Regen und Nebel sorgten für zu unsichere Bedingungen. Außerdem brach die Dunkelheit bereits herein. Der Grand Prix wurde nämlich verspätet gestartet, nachdem es im Rahmenprogramm einen tödlichen Unfall in der Formel-Ford gab: Wayne Kelly legte ein missglücktes Überholmanöver mit seinem Titan Ford hin und verstarb beim folgenden Crash. Den USA GP gewann wieder Tyrrell, aber nicht mit Stewart am Steuer, sondern mit François Cevert.

WM-Endstand:
1. Jackie Stewart (GBR) 62 (Tyrrell Ford)
2. Ronnie Peterson (SWE) 33 (March Ford)
3. François Cevert (FRA) 26 (Tyrrell Ford)
4. Jacky Ickx (BEL) 19 (Ferrari)
5. Jo Siffert (SUI) 19 (BRM)
6. Emerson Fittipaldi (BRA) 16 (Lotus Ford)
7. Clay Regazzoni (SUI) 13 (Ferrari)
8. Mario Andretti (USA) 12 (Ferrari)
9. Peter Gethin (GBR) 9 (BRM)
10. Pedro Rodriguez (MEX) 9 (BRM)
11. Chris Amon (NZL) 9 (Matra)
12. Reine Wisell (SWE) 9 (Lotus Ford)
13. Denis Hulme (NZL) 9 (McLaren Ford)
14. Tim Schenken (AUS) 5 (Brabham Ford)
15. Howden Ganley (NZL) 5 (BRM)
16. Mark Donohue (USA) 4 (McLaren Ford)
17. Henri Pescarolo (FRA) 4 (March Ford)
18. Mike Hailwood (GBR) 3 (Surtees Ford)
19. John Surtees (GBR) 3 (Surtees Ford)
20. Rolf Stommelen (GER) 3 (Surtees Ford)
21. Graham Hill (GBR) 2 (Brabham Ford)
22. Jean-Pierre Beltoise (FRA) 1 (Matra)

Konstrukteurs-WM:
1. Tyrrell Ford 73
2. BRM 36
3. Ferrari 33
4. March Ford 33
5. Lotus Ford 21
6. McLaren Ford 10
7. Matra 9
8. Surtees Ford 8
9. Brabham Ford 5

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