Jahresrückblick: 1970 (Formel-1-WM)

 

Jahresrückblick: 1970 (Formel-1-WM)

von Michael Zeitler

Noch nie lagen Triumph und Tragödien dichter beisammen als in der F1-Saison 1970: Jochen Rindt wurde posthum Weltmeister.

| Enstone (!NS!DE-RAC!NG) - Bei Lotus lag Triumph und Tragödie schon immer dicht beisammen. Aber nie so nah, wie in der Saison 1970. Jochen Rindt wurde im Lotus Ford 72 Weltmeister, fand darin aber auch seinen Tod!

Beim Auftakt in Südafrika musste Lotus noch mit dem Lotus 49 antreten, weil der neue 72 noch auf sich warten ließ – und das, obwohl der Auftakt erst im März stattfand, statt wie bisher üblich schon im Januar. Das bedeutete auch, dass vorher keine Nicht-WM-Rennen mehr ausgetragen wurden und der F1-Tross in Südafrika also wirklich Premiere feierte im neuen Jahrzehnt.

March überrascht
Und das begann mit einem Paukenschlag: Auf Pole Position fuhr nämlich Weltmeister Jackie Stewart vom Tyrrell-Team. Überraschend war das deshalb, weil man Tyrrell nicht unbedingt als Sieggarant schätzte. Der Grund war ein Zerwürfnis mit Matra. Die Franzosen wollten, dass Tyrrell nicht nur deren Chassis, sondern auch deren Motor verwenden würden. Stewart testete den Motor auch, doch Tyrrell entschied sich beim Verbleib des Cosworth-Motors, der die letzten zwei Weltmeister bereits befeuerte – darunter auch Stewart 1969. Matra war darüber sehr erbost und zog auch die Chassis von Tyrrell zurück.

Als Notlösung wich Tyrrell auf Chassis von March aus. Die Firma wurde erst ein Jahr zuvor von Max Mosley, Robin Herd, Alan Rees und Graham Coaker gegründet. Zunächst baute man ein Chassis für die Formel-3, 1970 stieg man aber auch werksseitig in die Formel-1 ein, darüber hinaus belieferte man auch Kundenteams. Zu diesem zählte nun auch Tyrrell und die fuhren mit dem March Ford gleich auf Pole Position, vor Chris Amon im Werks-March.

Im Rennen erwies sich March allerdings noch nicht als siegfähig: Stewart wurde in Runde 20 vom stark fahrenden Jack Brabham (Brabham Ford) überholt, danach auch von Denny Hulme (McLaren Ford). Mit dieser Reihenfolge ging das Rennen auch zu Ende. Beim nachfolgenden Race of Champions in Brands Hatch konnte March mit Stewart an Bord gewinnen. Auch beim Spanien GP gewann Stewart im March. Mario Andretti holte darüber hinaus mit einem privaten March noch den dritten Platz. Dazwischen schob sich Bruce McLaren im McLaren Ford. Das Rennen war am Start äußerst spektakulär, als bei einem Unfall zwischen Jackie Oliver (BRM) und Jacky Ickx (Ferrari) beide Autos in Flammen aufgingen. Beide Fahrer blieben aber unverletzt. In der Meisterschaft führte nun Stewart (13), Brabham (9), McLaren, Hulme (je 6); Konstrukteurs-WM: March (13), McLaren (12), Brabham (9).

Auch beim nicht zur Meisterschaft zählenden F1-Rennen in Silverstone, zu dem auch Formel-5000-Fahrzeuge zugelassen wurden, fuhr der Sieger einen March-Boliden, dieses Mal sogar einen Werks-March: Es siegte Chris Amon. Der beste F5000-Renner landete auf Rang sieben: Mike Hailwood in einem Lola Chevrolet.

Lotus schlägt zurück
Beim Monaco GP gab es den ersten Lotus-Sieg in der Saison. Zwar fuhr man noch einmal mit dem alten Chassis und profitierte auch von technischen Problemen bei Stewart und Amon, die im Qualifying nicht zu schlagen waren, aber die Fahrt von Rindt war trotzdem beeindruckend: Er holte sich die Führungsposition mit einem Überholmanöver gegen Jack Brabham – und das auf dem engen und winkligen Straßenkurs in Monte Carlo! Dritter wurde Henri Pescarolo im Matra. In der Meisterschaft holte sich Brabham die Führung zurück: Brabham (15), Stewart (13), Rindt, Hulme (je 9); Konstrukteurswertung: Brabham, McLaren (je 15), Lotus (14).

Der Belgien GP fand dann ohne dem McLaren-Team statt. Wenige Tage vor dem Rennen verunfallte Bruce McLaren bei einem CanAm-Rennen tödlich. Auch Denny Hulme verletzte sich bei einem Testunfall zum Indy500 an der Hand leicht.

Das Qualifying ging einmal mehr an Jackie Stewart. Der Schotte schied im Rennen allerdings früh mit Motorschaden aus. Zu dem Zeitpunkt waren längst andere vor Stewart, nämlich Pedro Rodriguez im BRM, Amon und Rindt. Die drei kämpften rundenlang um den Sieg, mit dem besseren Ende für Rodriguez. Amon wurde Zweiter, Rindt schied wie Stewart mit Motorproblemen aus. Jean-Pierre Beltoise fuhr im Matra auf Rang drei. Mit dem Sieg schob sich Rodriguez auf Rang drei vor: Brabham (15), Stewart (13), Rodriguez (10). March übernahm bei den Konstrukteuren wieder das Kommando: March (19), Brabham (17), McLaren (15).

Der Tod schlägt wieder zu
Das sportliche Geschehen rückte beim Holland GP in den Hintergrund. Vollständigkeitshalber sei erwähnt, dass das Debüt des neuen Lotus 72 ein voller Erfolg war, mit Rindt auf Pole und am Treppchen ganz oben. Doch das GP-Wochenende wurde von einer Reihe schwerer Unfälle überschattet. Schon im Quali hatten Jack Brabham und Pedro Rodriguez spektakuläre Überschläge, taten sich dabei aber nicht weh. Im Rennen ging ein weiterer Überschlag aber nicht so glimpflich aus: Piers Courage crashte mit seinem De Tomaso des Williams-Teams, überschlug sich mehrfach, wobei das Auto Feuer Fing und Courage nicht mehr geholfen werden konnte. Später gab es Berichte, dass Courage nicht verbrannte, sondern von einem umherfliegenden Rad erschlagen wurde.

Der Holland GP leitete allerdings auch einen Siegeszug von Jochen Rindt ein. Mit dem Stand Stewart (19), Rindt (18), Brabham (15) ging es nach Frankreich. Dort siegte Rindt erneut klar und deutlich und führte nun mit 27 Punkten, vor Stewart und Brabham mit je 19 Punkten. Bei den Konstrukteuren stand es wie folgt: Lotus (32), March (31), Brabham (21).

Beim Großbritannien GP schien die Siegesserie von Rindt ein Ende zu haben. Nach einem Schaltfehler von Rindt sah Brabham bereits wie der sichere Sieger aus. Doch sein Brabham Ford blieb umrundete die letzte Runde extrem langsam, weil das Benzin ausging. So kam Pole-Mann Rindt doch noch zum Sieg, Brabham rettete allerdings Platz zwei vor Denny Hulme. Den nächsten Sieg gab es in Deutschland, wobei das längst keine so klare Sache war, wie man vermuten könnte. Der Ferrari von Jacky Ickx wurde immer besser und Ickx führte auch lange das Rennen an. Es gab einen eindrucksvollen Zweikampf um den Sieg und am Ende war Rindt gerade Mal um sieben Zehntelsekunden vor Ickx.

Ausgerechnet beim Heimrennen in Österreich riss die Siegesserie von Rindt. Aufgrund von Motorenproblemen schied er frühzeitig aus. Aber auch so wäre der Kampf um den Sieg mit den starken Ferraris nicht leicht gewesen. Jacky Ickx und Clay Regazzoni feierten jedenfalls einen Ferrari-Doppelsieg, dahinter wurde Rolf Stommelen im Brabham Ford Dritter. Der Rückstand von Ickx in der Gesamtwertung war gewaltig und die zwei ärgsten Verfolger Brabham und Hulme blieben selbst ohne Punkte, sodass Rindts Vorsprung unangefochten stark war: Rindt (45), Brabham (25), Hulme (20).

Der Tod zum II
Bevor es weiter nach Italien ging, wurde im Oulton Park noch ein Rennen ausgetragen, das nicht zur Meisterschaft gerechnet wurde. Die meisten Topteams blieben dem Event fern. Daher gewann auch ein Fahrer, der in der WM selbst nur wenig Grund zur Freude hatte: John Surtees mit seinem Surtees Ford. Das Rennen war auch deshalb wichtig, weil Tyrrell die erste Eigenkonstruktion an den Start gebracht hat. Man brachte den Tyrrell Ford 001 auch mit nach Monza, setzte dann im Rennen aber noch auf den March – mit Erfolg: Hinter Sieger Clay Regazzoni im Ferrari wurde Stewart Zweiter.

Einmal mehr in dieser Zeit war das sportliche Geschehen nebensächlich. Denn erneut verlor die Formel-1 einen ihrer Stars. Dieses Mal war es sogar WM-Leader Jochen Rindt. Der Österreicher crashte im Training schwer, weil die Bremse gebrochen ist – eine Schwachstelle am Lotus 72. Rindt starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Lotus zog alle Autos zurück.

Lotus reiste auch nicht nach Kanada. Dort holte sich Ferrari mit Ickx und Regazzoni den nächsten Doppelsieg. Ickx war damit nun auch der schärfste Gegner in der WM für Rindt, doch die Chancen auf den Titel waren immer noch ausgezeichnet: Ickx hätte beide restliche Rennen gewinnen müssen. Doch daran scheiterte Ickx schon beim Kanada GP, weil dort Emerson Fittipaldi im Lotus Ford gewann. Der Brasilianer ersetzte Rindt und sicherte diesem durch seinen Sieg posthum den Titelgewinn! Beim Saisonfinale in Mexiko gewann noch einmal Ickx vor Regazzoni.

WM-Endstand:
Pos Fahrer
Team
Punkte
1 Jochen Rindt Lotus Ford 45
2 Jacky Ickx alt Ferrari 40
3 Clay Regazzoni Ferrari 33
4 Denny Hulme alt McLaren Ford 27
5 Jackie Stewart March Ford 25
6 Jack Brabham Brabham Ford 25
7 Pedro Rodriguez BRM 23
8 Chris Amon alt March Ford 23
9 Jean-Pierre Beltoise Matra 16
10 Emerson Fittipaldi Lotus Ford 12
11 Rolf Stommelen Brabham Ford 10
12 Henri Pescarolo Martra 8
13 Graham Hill Lotus Ford 7
14 Bruce McLaren alt McLaren ford 6
15 Reine Wisell Lotus Ford 4
16 Maria Andretti March Ford 4
17 Ignazio Giunti Ferrari 3
18 John Surtees Surtees Ford 3
19 John Miles Lotus Ford 2
20 Jackie Oliver BRM 2
21 Johnny Servoz-Gavin March Ford 2
22 François Cevert March Ford 1
23 Peter Gethin McLaren Ford 1
24 Dan Gurney McLaren Ford 1
25 Derek Bell Surtees Ford 1
Konstrukteurs-WM-Endstand:
Pos Team Punkte
1 Lotus Ford 59
2 Ferrari 52
3 March Ford 48
4 Brabham ford 35
5 McLaren ford 35
6 BRM 23
7 Matra 23
8 Surtees Ford 3
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