Rennen im Rückspiegel - GP Monaco 1996: Der unterlegene Sieger

Geschrieben von: Johannes Mittermeier.

Es hätte ein unerwarteter Heimsieg werden können, aber die Geschichte will, dass 2,4 Quadratkilometer von Südfrankreich ein eigener Staat sind, der jedes Jahr auf spektakuläre Weise von den schnellsten Männern der Welt unter die Räder genommen wird. 1996 übergab der Fürst den Siegerpokal an einen Franzosen - und seitdem hat in der Formel 1 kein solcher mehr gewonnen. 

Rennen im Rückspiegel

 GP Monaco 1996: Der unterlegene Sieger 

von Natalie Rusch und Johannes Mittermeier


ruckblick_logoEs hätte ein unerwarteter Heimsieg werden können, aber die Geschichte will, dass 2,4 Quadratkilometer von Südfrankreich ein eigener Staat sind, der jedes Jahr auf spektakuläre Weise von den schnellsten Männern der Welt unter die Räder genommen wird. 1996 übergab der Fürst den Siegerpokal an einen Franzosen - und seitdem hat in der Formel 1 kein solcher mehr gewonnen. 


Monte Carlo (!NS!DE-RAC!NG) - 1996 ist das Jahr, in dem das Klonschaf Dolly geboren wird, in dem Tamagotchis erfunden werden, in dem Songs wie "Macarena" und "Coco Jamboo" oben in den Charts sind. Die Mitte des Jahrzehnts bringt auch dem Fürstentum Monaco eine Veränderung. Die Moderne bahnt sich einen Weg in das feudale System, erstmals weht dem Fürsten Rainier III ein scharfer Wind ins Gesicht, zwielichtige Mechanismen werden aufgedeckt und von ihm zurück ins Dunkel geschoben. Es heißt, der Richter Charles Duchaine sei während seiner Amtszeit in Monaco in seiner Arbeit behindert worden, als er Ermittlungen gegen die italienische und russische Mafia aufnahm - die den Grand Prix 1996 finanziell unterstützte. Das sind Geschichten, die Monaco lieber unter Verschluss halten möchte, passen sie doch wenig zu dem ewig-sorglosen Image als "Hongkong des Mittelmeers", wie es der Fürst zu seinen Lebzeiten gerne nannte.

Auch die Regenbogenpresse hat 1996 wieder einen Grund, um nach Monaco zu schauen: Daniel Ducruet, Ex-Bodyguard und Ehemann von Prinzessin Stéphanie, wird in einen Sex-Skandal verwickelt und die Ehe geschieden. Es kommt nicht von ungefähr, dass das größte jährliche Ereignis neben dem Formel-1-Rennen das internationale Zirkusfestival ist. Monaco, ein kleiner Staat, der aufgrund des Glücksspiels reich wurde und sich dieser Anrüchigkeit rein gar nicht schämt. Eine Stadt, in der erst das Casino gebaut wurde und danach die Kathedrale. Dennoch ist Sainte-Dévote die Über-Heilige und Schutzpatronin des kleinen Mittelmeerimperiums von 2,4 Quadratmeter Größe. Sainte-Dévote, die Heilige in dem Karussell der Götzentempel des Geldadels - Beau Rivage, Mirabeau, Rascasse. Ebenfalls Kurven von Weltklang, die Helden produzierten und Dramen inszenierten. "Prestige" ist ein französisches Wort, aber es hätte ohne Umschweife auch monegassisch sein können.

Deutsch-österreichische Zwistigkeiten
Ein Sieg im Leitplankenkanal macht den Rennfahrer unsterblich, stellt doch der rasante Ritt zwischen den Häuserschluchten einen letzten faszinierenden Anachronismus der Moderne dar. In Zeiten verschärfter Sicherheitsbedingungen eigentlich längst untragbar, aber Monte Carlo darf, nein, muss so sein. „Es gibt keinerlei Auslaufzonen, aber wir akzeptieren das“, sagt Damon Hill vor dem Wochenende. „Ich denke nicht, dass man jemanden finden wird, der sich nicht auf diese Herausforderung freut.“ Hier macht noch der Fahrer und nicht das Material den Unterschied. Auch darin liegt Magie und Mystik. Denn im Grunde ist es ein Irrsinn: Mit Tempo 290 durch die geschlossene Ortschaft. Das geht nur in Monaco.

Die Saison 1996 war gerade fünf Rennen alt und bisher recht stereotyp. Das Williams-Lager hatte alle Siegerkränze eingeheimst. Dagegen wartete Ferrari-Neuzugang Michael Schumacher weiter auf seinen roten Debüterfolg. Nun aber, beim Glitzer-Glamour-Grand Prix in Monte Carlo, könnten die Vorzeichen nicht besser stehen. Die Qualifikation als Demonstration. Es ist windig, kalt und ungemütlich. Hill legt mit einer 1:20.866 vor und wähnt sich bereits im Besitz der Pole Position. Bis Schumacher ihn mit seinem finalen Ansturm auf dem falschen Fuß erwischt: 1:20.372. Viele Beobachter fühlen sich an die phänomenalen Qualifying-Runden Ayrton Sennas aus den späten 80ern erinnert, denn eins ist klar: Ein derartiger Vorsprung ist zum überwiegenden Teil auf Ausnahmekönnen hinter dem Lenkrad zurückzuführen.

Weil Schumacher allerdings in der Folge - den ersten Startplatz feiernd - auf der Ideallinie bummelt, wird er beinahe Gerhard Berger zum Verhängnis, der nur durch ein waghalsiges Ausweichmanöver einen möglicherweise fatalen Crash vermeiden kann. Fuchsteufelswild stürmt der Tiroler die Räume der Rennstewards, stößt jedoch auf taube Ohren. Die Regelhüter lassen Gnade walten und verschonen den Verursacher vor einer empfindlichen Bestrafung. Demnach bleibt alles wie gehabt: Hinter Schumacher und einem konsternierten Hill bilden Jean Alesi und Berger eine Benetton-Reihe zwei. David Coulthard (McLaren-Mercedes) auf Rang fünf und Rubens Barrichello (Jordan-Peugeot) als Sechster runden die interessante Ausgangslage ab. Ligier-Pilot Olivier Panis dagegen qualifiziert sich - zurückgeworfen von technischen Problemen - bloß als enttäuschender Viertzehnter und ahnt da noch nicht, was der Rennsonntag für ihn noch an Überraschungen bereithalten sollte...

Der doppelte Schumacher
Zunächst kommen die (schlechten) Wünsche von ganz oben: War der F1-Zirkus bis hierhin mit ungemütlichen, aber immerhin trockenen äußeren Bedingungen davongekommen, so öffnet der Himmel pünktlich zum Showdown seine Schleusen. Schon das morgendliche Warm-up gerät zur munteren Rutschpartie, der anschließende Porsche Supercup-Lauf muss sogar abgebrochen werden. Und auch wenn der Regen zum Formel 1-Start wieder aufgehört hat - alle Ingredienzen für einen spannenden Grand Prix sind bereitet. Regen - oder Trockenreifen? Viel oder wenig Sprit? Um die Konfusion komplett zu machen, gibt es oben drauf scheinbar zwei Michael Schumachers. Einer im Ferrari, der andere im McLaren. Hintergrund: Coulthard trägt leihweise einen der Ersatzhelme des Deutschen, da seine eigenen regelmäßig beschlagen. 

Jos Verstappen ist der Einzige, der es wagt, auf Slicks loszufahren. Jedoch nicht für lange: Schon nach wenigen Kurven hat der Holländer Feierabend. Zum allgemeinen Erstaunen befindet er sich damit in prominenter Gesellschaft. Schumacher kommt erst schlecht weg und schlittert dann, im Rechtsknick nach der Loews-Haarnadel, geradewegs in die Streckenbegrenzung. Aus nach 40 Sekunden. „Mein Fehler“, rekapituliert ein bedienter Doppelweltmeister, „ich bin sehr sauer auf mich selbst!“ Damon Hill kann es nur recht sein. Von seinem ärgsten Widersacher befreit, fährt der Williams-Mann an der Spitze einsame Rekordrunden. Nach 21 Umläufen liegt er satte 25 Sekunden vor Alesi. Doch so donnernd die Fahrt des Heavy-Metal-Fans begonnen hatte, so schlagartig ist sie vorüber: In Runde 28 verabschiedet sich der Renault-Motor mit qualmenden Rauchzeichen.

 „Später ist man immer schlauer…“
Im restlichen Feld herrscht derweil das reinste Tohuwabohu. Alle Vorkommnisse aufzuzählen, würde den Rahmen um ein Vielfaches sprengen. Während Berger wegen Getriebeproblemen aufgeben muss, erweist sich der Ferrari von Eddie Irvine als rollende Schikane, die unter anderem Villeneuve, Häkkinen und Frentzen heftig im Weg steht. Als der Deutsche in Sauber-Diensten einen Versuch wagt, darf er sich an den Boxen eine neue Nase abholen. Was Frentzen in diesem Moment nicht wissen kann: Wäre er weniger ungestüm gewesen, hätte er das Rennen wahrscheinlich gewonnen. Sein flapsiger Kommentar dazu: „Später ist man immer schlauer.“

Nicht klüger, aber dafür umso bedrückter kommt bald Jean Alesi daher. Durch Hills Pech fährt der Italo-Franzose lange relativ ungefährdet dem zweiten Grand-Prix-Gewinn seiner Karriere entgegen - bis 15 Runden vor Schluss die hintere Radaufhängung in die Knie geht. Schwacher Trost: Die zwangsweise Rolle des Zuschauer teilt er mit nahezu allen Fahrerkollegen. Fast pausenlos lichten sich die Reihen. Irvine und das finnische Kampfduo Häkkinen/Salo etwa produzieren einen kapitalen Auffahrunfall, der die Punktehoffnungen aller Beteiligter begräbt. In der Endphase sind noch ganze vier Autos auf der Strecke: Die beiden Sauber von Frentzen und Johnny Herbert, besagter Coulthard - und Oliver Panis.

Eine absolute Sensation bahnt sich an: Würde der 29-jährige Franzose im unterlegenen Ligier-Mugen-Honda tatsächlich gewinnen können? Es wäre so unerwartet wie verdient. Exzellent und ohne den geringsten Fehler war er unterwegs, unauffällig, aber höchst effektiv, und hatte nebenbei auch die weit verbreitete These, in Monaco wäre Überholen unmöglich, eindrucksvoll zu den Akten gelegt. Brundle schnappt er nach Rascasse, Häkkinen am Casino, Herbert und - besonders bemerkenswert - den für alle anderen unüberwindbaren Irvine jeweils in der Loews. Mit voller Tankfüllung gestartet, braucht er bei seinem einzigen, perfekt getimten Stopp nur eine minimale Nachladung, profitiert von Patzern und Problemen der Konkurrenz und führt nach Alesis Ausfall plötzlich das Rennen an.

Ironie des Schicksals
Ausgerechnet Panis, ausgerechnet in Monaco. Hier Bescheidenheit, Sachlichkeit, Zurückhaltung, dort das Prunkvolle, Überdimensionale, Ausschweifende. Und dann diese verrückten Umstände! Denn in trockenen Tüchern hat Panis seinen ersten Sieg in der Formel 1 sprichwörtlich noch nicht. Neben der ständigen Bedrohung eines Regengusses drängelt im Rückspiegel David Coulthard unerbittlich - aber umsonst. Zwei Runden vor Ultimo lässt der Schotte abreißen: „Es ging nur noch darum, das Auto nach Hause zu bringen.“ Johnny Herbert überholt im ganzen Rennen kein Auto und kommt dennoch als Dritter ins Ziel. Heinz-Harald Frentzen wird Vierter - und Letzter.

Ob Fürst Rainier auch zu diesem besonderen Anlass, dem ersten französischem Sieg in einem französischen Wagen in Monaco seit 1930 durch René Dreyfus, die üblich-traditionellen Worte sprach? Oder ob er seinen Standardtext diesmal ein bisschen ausschmückte? „Ich bin ganz besonders froh und freue mich sehr, dass gerade Sie es sind…“

In Monte Carlo ist nichts unauffällig und alles dreht sich darum, zu sehen und gesehen zu werden. Dass am 19. Mai 1996 dieses Gesetz beim Großen Preis von Monaco vor den Augen der Welt ausgehebelt werden würde, hätte sich niemand träumen lassen. Und das zu allem fürstlichen Unglück auch noch von einem Franzosen, der ruhig, bodenständig und unspektakulär ist. Ein Anti-Monegasse.

Das dauerpräsente Frankreich hatte dem kleinen, reichen Flecken von Staat 1963 den größten Schmerz seiner Geschichte zugefügt, indem deren Präsident Charles de Gaulle ihm einen Vertrag aufdrängte, der Monaco machtlos machte, ihm politisch und wirtschaftlich alle Zähne zog. Die größte Konsequenz war jedoch, dass de Gaulle verlangte, französische Staatsbürger ebenso zu besteuern wie in Frankreich - was Monaco den zahlreichen französischen Schönen und Reichen das Fürstentum mit einem Schlag bedeutungslos machte. Dass somit ausgerechnet in Monaco 1996, mehr als 30 Jahre nach den verheerenden Verträgen, ein Franzose siegte, der 1963 noch nicht einmal geboren war, klingt wie eine Ironie der Geschichte. Als hätte Monaco sich auf seine Weise gerächt und nicht nur der Formel 1, sondern auch Frankreich wieder einmal seinen Stempel aufgedrückt. Vier von 21 Wagen im Ziel. Die Überlebenden, die Oberen der Grand-Prix-Gesellschaft, für einen Tag. Wie im Neokapitalismus Monacos. Rauschhaft, schnell, Eintagsfliegen.

Wo hätte sie hinführen können, die Laufbahn des Olivier Panis? Der Triumph im feuchten Monte Carlo machte ihn berühmt. Nachdem er sich in Kanada ein Jahr darauf bei einem fürchterlichen Unfall jedoch beide Beine brach und sieben Rennen pausieren musste, konnte er nicht mehr an seine frühere Form anknüpfen. Jener Tag im Mai 1996 aber wird auf alle Zeit als grandioser Höhepunkt in den Geschichtsbüchern der Formel 1 verankert sein. Es ist bis zum heutigen Tage der letzte Sieg eines französischen Fahrers. Gewönne also Romain Grosjean am Sonntag den Klassiker an der Côte d’Azur, würde sich dieser Kreis nach 16 Jahren endlich schließen. 

Vorschau
Kanada: Als eine Mauer Berühmtheit erlangte.

 

| Barcelona (!NS!DE-RAC!NG) – Man muss nicht viel Phantasie besitzen, um sich folgendes Szenario bildlich vorzustellen: Formel 1 der Gegenwart, ein heftiger Wolkenbruch, eine überflutete Piste. Nach wenigen Kilometern erste verzweifelte Hilferufe über Funk, die dem TV-Zuschauer ins heimische Wohnzimmer übertragen werden: „Undriveable!“ Und wenig später das Dekret der Rennleitung: Safety-Car, womöglich gar der Abbruch. Rote Flagge. Nichts geht mehr.
Am 2. Juni 1996 sieht die Formel 1 auch „Rot“. Nur in leichter Abwandlung heutiger Gegebenheiten und Zustände. Der Rennzirkus macht Station in Spanien, Barcelona. Der Circuit de Catalunya ist seit fünf Jahren im Kalender, und bisher machte er nicht gerade durch spannende Ausgaben von sich reden. An jenem Tag aber sollte alles anders werden. Das nasse Element beschert der Königsklasse und seinen Fans ein Rennen für die Geschichtsbücher.
Für den amtierenden Weltmeister Michael Schumacher, 27, war die Saison 1996 bisher recht mühsam verlaufen, der Wechsel vom kleinen Benetton-Team zum ehrwürdigen Ferrari-Rennstall mit Schwierigkeiten behaftet. Vor Ruhm und Historie triefte die Truppe aus Maranello nach wie vor, doch in Sachen Erfolge haperte es seit Längerem. Der Mythos allein bringt keine Punkte. Seit 1979, also mittlerweile 17 Jahren, wartete man auf den Titel in der Fahrer-WM. Besonders in den 90ern waren die roten Renner dem Mittelmaß oftmals näher als der Spitze. Um den großen Hoffnungsträger an Land ziehen zu können, war ihnen beinahe jedes Mittel recht - finanziell wurden neue Dimensionen erreicht. Schumacher stieg zum mit Abstand bestverdienenden Motorsportler aller Zeiten auf.
Traumehe mit Hindernissen
Die Relation zwischen der traditionsreichen Scuderia und dem Doppelweltmeister aus Kerpen aber entpuppte sich keineswegs als Liebe auf den ersten Blick. Die leidenschaftlichen Tifosi fanden anfänglich wenig Gefallen an Schumacher, weil dieser sich so gab, wie er eben war: deutsch. Das stolze Volk forderte Pathos und Niederknien vor dem „cavallino rampante“, dem berühmten springenden Pferd, doch bekam als Antwort einzig Pragmatismus und Seriosität. Dabei war deutsche Gründlichkeit genau das, was dem zuweilen chaotisch wirkenden Ferrari-Team gefehlt hatte. Bis sie das in Italien begriffen hatten, dauerte es eine Weile. Dann begannen die Eisberge zu schmelzen. Langsam, aber stetig.
Wie gesagt: Der Beginn gestaltete sich schwierig. Dem englischen Konstrukteur John Barnard war - höflich ausgedrückt - kein Siegerauto gelungen. Schlimmer noch: Pleiten, Pech und Pannen pflasterten Ferraris und Schumachers Weg im gemeinsamen Debütjahr. Umso überraschender, dass der akribisch werkelnde Neuankömmling mit seiner von der BILD-Zeitung in gewohnter Zurückhaltung verspotteten „roten Gurke“ gleich vorne mitmischen konnte. Wenn der Bolide mal nicht frühzeitig seinen Dienst quittierte, kam Schumacher meist aufs Podest. Bei der Scuderia wussten sie, dass derartige Glücksmomente zu großen Teilen auf das Konto ihres hochbezahlten Star-Fahrers gingen. Der jedoch auch nicht frei von Fehlern war: Zwei Wochen vor dem Spanien-GP schmiss er im verregneten Monaco - von Pole Position kommend - seinen möglichen ersten Ferrari-Sieg bereits nach wenigen Metern in die Leitschienen. Wie groß das Aufstöhnen jenseits des Brenners war, kann man sich leicht ausmalen.
Geburt des „Regenkönigs“
Letztlich gibt es freilich nur ein konstruktives Mittel gegen Kritik: Überzeugungsarbeit. Für Barcelona, den siebten Lauf des Jahres, aber sprüht „Schumi“ nicht unbedingt vor Optimismus. Streckencharakteristik und Fahrverhalten des zickigen Wagens scheinen sich abzustoßen wie Plus - und Minuspol einer Batterie. Üblicherweise gelten die beiden klar überlegenen Williams-Renault von Damon Hill und Jacques Villeneuve als Favoriten. Das Qualifying bestätigt diese Einschätzung zunächst nachdrücklich: Die erste Startreihe ist fest in deren Händen. Schumacher klassifiziert sich als Dritter, gefolgt von den beiden Benetton-Piloten Jean Alesi und Gerhard Berger sowie Eddie Irvine im zweiten Ferrari. Alles deutet auf eine eintönige Siegesfahrt der Williams hin. Mit der einzig verbleibenden interessante Frage, wer von beiden denn nun gewinnen würde. Business as usual also.
Tags darauf ist die Lage eine andere. Es regnet. Nein, es schüttet. Aus Kübeln. So heftig, dass ein Start hinter dem Pace-Car erwogen wird. Zu dem es allerdings nicht kommt. Ein Fehler, wie Giancarlo Fisichella hinterher berichtet: „Es war nicht sehr klug, uns unter diesen Bedingungen starten zu lassen. Ich habe kaum das Gaspedal berührt, weil ich nicht einmal die Nase meines eigenen Autos sehen konnte...“ Auch der Schumacher-Ferrari löst sich nur behäbig aus dem Stand. Er fällt von Position drei auf sieben zurück. Hinter Villeneuve, Alesi, Hill, Berger, Rubens Barrichello (Jordan-Peugeot) und Teamkollege Irvine.
Allerdings dauert es nicht lange, ehe sich die wahren Kräfteverhältnisse offenbaren. Hill scheidet bei seinem dritten Dreher (unter dem lautstarken Jubel der aufgeweichten Schumacher-Fans auf den Tribünen) aus. Ärgern tut er sich nicht wirklich: „Ich bin einfach erleichtert, noch in einem Stück zu sein. Es war schwierig, auch nur irgendetwas zu sehen.“ Schumacher hingegen ist in seinem Element. Mit Riesenschritten macht er verlorenes Terrain wieder gut. In Runde fünf überholt er Berger, vier Umläufe danach ist Alesis Widerstand gebrochen, und nach 12 Runden driftet sich der Weltmeister an Villeneuve vorbei in Führung. Selbst dem Kanadier, ansonsten klar einer der Furchtlosesten im Feld, wird es bei diesem Grand Prix mulmig: „Als Schumacher an mir vorbeigeflogen ist, da dachte ich mir: ,Um Himmels willen, die Formel 1 ist nichts für mich!‘“
Michael Schumacher mag seinen Beinamen vom „Regenkönig“ im belgischen Spa kultiviert haben - entstanden ist er in Barcelona 1996. „Driving skill“ nennen es die Briten, grandiose Fahrzeugbeherrschung frei übersetzt. Der Ferrari mit der Startnummer „1“ degradiert die versammelte Konkurrenz zu bemitleidenswerten Statisten. Über zwei Sekunden pro Runde legt Schumacher in der Folge zwischen sich und die Verfolger, nach seinem ersten Reifen - und Kraftstoffservice beträgt der Abstand noch immer 25 Sekunden, und als er zum zweiten Mal aus der Boxenstraße schießt, ist die Minuten-Grenze geknackt. Besorgniserregende Motorgeräusche lassen den Vorsprung gegen Ende auf 45 Sekunden schrumpfen: „Ich fuhr eher einen Acht - oder Neun-Zylinder, hatte viel weniger Power auf den Geraden“, gesteht Schumacher auf der Pressekonferenz. Zuvor beschwört er höhere Mächte: „Zum Schluss habe ich nur noch gebetet, dass das Auto hält.“
Hymnen-“Problematik“
Die begeisterten Tifosi feiern ihren "Michele". Der erste Sieg mit der Scuderia, dieser unglaublich wichtige Meilenstein, ist geschafft, die Historie um ein Kapitel erweitert. Alesi wird hervorragender Zweiter, Villeneuve schafft Platz drei, Heinz-Harald-Frentzen im Sauber, Mika Häkkinen (McLaren-Mercedes) und der überraschende Pedro Diniz (Ligier) vervollständigen die Punkteränge. Es sind im Übrigen die einzigen Piloten, die in den Genuss der Zielflagge kommen…
Auf dem höchsten Podiumstreppchen sollte sich die Symbiose Schumacher/Ferrari beginnen, wohlzufühlen. Darum fällt es auch nicht so sehr ins Gewicht, dass der überglückliche Gewinner fast die Hymnen überhört - vor lauter Zähne-klappern: „Ich habe gefroren wie ein Schneider. Beim nächsten Mal will ich eine Heizung in meinem Ferrari.“ Die bekam er nicht. Dafür 71 weitere Gelegenheiten, im Freudentaumel den lieb gewonnenen Klängen zu lauschen. JM
Vorschau
Monaco: Als die Formel 1 den bisher letzten Franzosen siegen sa
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