F1: Rennen im Rückspiegel - USA GP 1984: Rosberg behält kühlen Kopf

Geschrieben von: Michael Zeitler.

Vergangenes Wochenende bröckelte der Asphalt beim IndyCar-Rennen in Detroit. So wie 1984 in Dallas beim F1-GP.  

F1: Rennen im Rückspiegel - USA GP 1984: Rosberg behält kühlen Kopf

von Michael Zeitler

Vergangenes Wochenende bröckelte der Asphalt beim IndyCar-Rennen in Detroit. So wie 1984 in Dallas beim F1-GP. 

| Detroit (!NS!DE-RAC!NG) - In den USA waren Rennstrecken schon immer anders. Die US-Amerikaner bauen Streckenanlagen wie Stadien – hier, auf den Ovalkursen heißt Rennsport wirklich Im-Kreis-Fahren. Alternativ dazu gibt es viele Straßenkurse wie der F1-Kurs in Monaco. 2013 will die Formel-1 in der Mega-Stadt New York fahren – auf ganz normalen öffentlichen Straßen! Rennsportanlagen wie sie in der Formel-1 üblich sind, gibt es in Amerika auch, aber eher weniger. Derzeit entsteht in Austin gerade eine solche Rennstrecke, noch in diesem Jahr findet darauf der USA GP statt. Legendär ist sicherlich die Strecke von Laguna Seca. Möglicherweise haben die US-Amerikaner Blut geleckt: Derzeit gibt es Pläne, in der Wüste Nevadas die Nürburgring-Nordschleife nachzubauen. Schon alleine das ebene Areal könnte dazu führen, dass es bei Plänen bleibt.

Rennstrecken in den USA sind also speziell. Doch nach dem IndyCar-Rennen in der Autostadt Detroit am vergangenen Rennwochenende machen sich wieder einige lustig: Können die Amis keine Strecken bauen? Denn wieder einmal löste sich der Asphalt, das IndyCar-Rennen musste deshalb zwei Stunden lang unterbrochen werden!

Es ist genau 30 Jahre her, als die Formel-1 in Detroit auf einem Straßenkurs Halt machte und ebenfalls der Asphalt bröckelte. Das Rennen damals war eine Farce: Als die F1-Fahrer anreisten, staunten sie nicht schlecht: Die Strecke war nach wie vor eine Baustelle! Die Fahrer konnten sich über unverhoffte Freizeit freuen: Das Training wurde abgesagt. Es war ein irres Rennen mit einem seltsamen Kräfteverhältnis: Während der deutsche ATS-Pilot Manfred Winkelhock völlig überraschend Bestzeit im Warm-Up fuhr, konnte sich der damals amtierende Weltmeister Nelson Piquet nicht einmal für das Rennen qualifizieren. Im ersten Quali am Freitag gab es elektronische Probleme an seinem Brabham BMW, im zweiten Qualifying am Samstag regnete es, eine Zeit für die besten 26 Fahrer daher unmöglich. Piquets Teamkollege Riccardo Patrese sorgte für eine Zwangspause von einer Stunde, als die hinteren Bremsen seines Wagens nach einem Unfall zu brennen begannen. Ein Streckenposten geriet in Panik und zückte die Rote Flagge – das Signal zum Rennabbruch. Kleiner Zwischenfall, aber lange Pause… Nein, Detroit hat sich damals nicht mit Ruhm bekleckert.

Aber damit steht Detroit längst nicht alleine da. Ein Rennen mit aufbrechendem Asphalt – da fällt einem natürlich sofort der unglaubliche USA GP 1984 in Dallas ein. Dallas, das ist eine Stadt im Bundesstaat Texas. Im Sommer herrschen hier gerne Mal Temperaturen jenseits der 40 Grad Celsius, was die Baumeister des F1-Kalenders erst einmal nicht störte. Ein F1-Rennen im texanischen Hochsommer – aus diesem Fehler sollte die Formel-1 eigentlich lernen. Doch für 2012 war der F1-Lauf in Austin (ebenfalls Texas) auch für Juni angepeilt. Dass das Rennen nun in den Saisonendspurt gelegt wurde, lag wohl nicht daran, dass man sich an das Rennen in Dallas 1984 erinnerte, sondern eher daran, dass die Streckenarbeiten wohl bis Juni nicht fertig geworden wären.

Hellseher Piquet
Dallas 1984 war gewiss nicht das heißeste F1-Rennen aller Zeiten. Doch fast 40 Grad Lufttemperatur und noch einmal rund 30 Grad mehr Streckentemperaturen sind sicherlich keine Bedingungen für eine sonntägliche F1-Spazierfahrt. Vor allem nicht auf einem engen, eingezäunten Straßenkurs. Bereits nach dem Training am Freitag gab es die ersten kritischen Stimmen. Nigel Mansell sagte, es sei die härteste Strecke, auf der er je gefahren sei. Der Brite war damals sicherlich sportlich nicht der fitteste F1-Fahrer im Feld, aber am Sonntag wurde deutlich, was er mit dieser Aussage gemeint hatte. Dazu gleich mehr.

Nelson Piquet blies ins gleiche Horn wie Mansell. Der Brasilianer soll gesagt haben: „Ich frage mich, wer als erstes schlapp machen wird: Die Autos, die Fahrer oder der Asphalt.“ Als hätte er es schon geahnt. Ohne die Spannung herausnehmen zu wollen, aber die Antwort auf Piquets Frage: Sowohl Autos, als auch Fahrer, als auch der Asphalt! Wie schlecht der Zustand der Strecke war, zeigte sich schon am Samstag, als die mächtigen CanAm-Sportwagen zum Rahmenrennen ausrückten. Danach musste die Strecke erst einmal wieder repariert werden – und die Reparatur dauerte die ganze Nacht an, sogar bis 30 Minuten vor dem Rennstart!

Jacques Laffite hätte also im Bett liegen bleiben können. Der Franzose schlenderte früh morgens noch im Schlafanzug durchs Fahrerlager. Denn wegen der Hitze hatten die Organisatoren das Warm-Up bereits auf sieben Uhr morgens und das Rennen auf elf Uhr vormittags angesetzt. Sieben Uhr morgens, da hatten die Fahrer auch in der Post-James-Hunt-Zeit noch eher damit zu tun ihre Erinnerungsschnipsel vom Samstagabend zu einem vollständigen Puzzle zusammenzustecken, als Formel-1 zu fahren. Ein Grand Prix hieß damals eben auch Spaß, nicht nur Arbeit. Aber weil die Reparaturarbeiten an der Strecke ja noch andauerten, entfiel das Warm-Up.

Pfiffiger Rosberg
Niki Lauda und Alain Prost waren über die Bedingungen wohl alles andere als glücklich. Die beiden aus dem McLaren-Rennstall dominierten bis dato die Saison, ihr Wort war also ein ganz gewichtiges. Beide versuchten offenbar einen Boykott zu organisieren. Er scheiterte angeblich am Widerstand von Keke Rosberg, der erklärte: „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht!“ Andere sahen das freilich anders: Martin Brundle hatte schon im Training einen Crash. Erst landete mit dem Tyrrell Ford auf dem Kopf, danach mit zwei Knöchelbrüchen im Krankenhaus. Piercarlo Ghinzani, der im Rennen im Osella Alfa Romeo einen sensationellen fünften Platz holte, erinnerte sich gegenüber „Motorsport-Magazin.com“ vor ein paar Jahren: „Man schwitzte wie in einer Sauna. Sogar unsere Mechaniker fielen teilweise in Ohnmacht.“

Das Rennen aber wurde gestartet und zunächst war es Nigel Mansell, der das Rennen anführte. Mansell war aber nicht der Schnellste und so klebten die Verfolger am Getriebe seines Lotus Renault. Der erste Verfolger war Renault-Pilot Derek Warwick. Er startete auch mehrmals einen Überholversuch, aber bei jenem in Runde elf drehte er sich und schied aus. Niki Lauda fiel dann mit Motorenprobleme hinter Elio de Angelis auf Rang drei zurück – aber dann kam Keke Rosberg. Er überholte nach und nach seine Konkurrenten. Erst Lauda, dann De Angelis, schließlich trieb er auch noch Mansell, der bereits mit stark abbauenden Reifen kämpfte, in einen Fehler und ging vorbei. Ähnlich wie Rosberg wie ein heißes Messer durch Butter durch das Feld galoppierte, so machte es auch Alain Prost. In Runde 49 ging der damalige WM-Leader auch an Rosberg vorbei. Als sein Vorsprung gerade auf 7,5 Sekunden anwuchs, leistete er sich einen Fehler und touchierte die Mauer.

Nun war wieder Rosberg vorne, vor dem von ganz hinten gestarteten René Arnoux im Ferrari. Nach 69 von geplant 78 Runden wurde das Rennen wegen dem Erreichen der Zwei-Stunden-Grenze abgebrochen und Rosberg war der Sieger. Jener Mann, der sich so vehement für das Rennen eingesetzt hatte. Ein Kettenraucher, der als Finne kühlen Kopf in der sengenden Hitze behielt. Wie war das nur möglich? Die Lösung: Rosberg fuhr mit einem 2000 US-Dollar teurem, aber eben wassergekühlten Helm. Vielleicht der Schlüssel zum Sieg in einem der härtesten F1-Rennen aller Zeiten.

Mansell ist sich sogar sicher: „Das war das gefährlichste Rennen der F1-Geschichte.“ So der Brite zumindest nach dem Rennen, das er selbst als Sechster beendete. Oder genau genommen beendete er das Rennen gar nicht. Denn ihm ging sogar noch der Sprit aus. Mansell sprang aus dem Wagen und versuchte seinen Lotus Renault noch über die Ziellinie zu schieben. Videos auf der Internet-Videoplattform Youtube zeigen, wie die Strecke bereits von Menschen überfüllt ist und er alleine versucht, den Lotus über die Ziellinie zu schieben – und schließlich, wie er dann zusammenklappt. Mit drei Runden Rückstand bekam er als Sechster aber sogar noch einen WM-Punkt! Sein Stallgefährte De Angelis wurde Dritter, war aber bereits überrundet!

Das zeigt auch, wie beeindruckend der Sieg von Rosberg war. Er bescherte Honda, damals Motorenlieferant bei Williams, den ersten F1-Sieg seit dem Triumph von John Surtees auf dem von Lola gebauten Werks-Honda beim Italien GP 1967. Seinen wassergekühlten Helm tauschte er für die Siegerehrung gegen einen texanischen Hut. Das war die Formel-1 damals, heute sind die Fahrer dazu angehalten, die Kappen des Reifenherstellers Pirelli zu tragen.

Dallas 1984, ein unglaubliches Rennen, das in die F1-Geschichte eingegangen ist. Und das es beinahe nicht gegeben hätte: Damals war es üblich, dass vor dem ersten F1-Rennen auf einem Kurs zu Testzwecken ein Rennen einer anderen Rennserie ausgetragen werden sollte. Wie das Beispiel Dallas auch zeigt, nicht unbegründet. Doch das Rennen fand nie statt, Gerüchte über eine Rennabsage gab es damals immer und immer wieder. Doch es fand statt – und wurde zu einem GP-Klassiker.

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