Rennen im Rückspiegel: GP England 2008 - Mit Herz und Schwimmflügeln

Geschrieben von: Johannes Mittermeier.

Wenn das nasse Element seine Finger im Spiel hat, gerät der Motorsport meist zur amüsanten Realsatire. Die weltbesten Piloten verkörpern dann diese unfreiwillige Komik, indem sie scheinbar wie blutige Anfänger von der Fahrbahn gleiten. Wer im Gegensatz dazu eine Minute vor der kastrierten Meute ins Trockene gelangt, muss schier Außergewöhnliches vollbracht haben. So wie ein farbiger Brite vor vier Jahren.

Rennen im Rückspiegel

GP England 2008: Mit Herz und Schwimmflügeln

von Johannes Mittermeier


ruckblick_logoWenn das nasse Element seine Finger im Spiel hat, gerät der Motorsport meist zur amüsanten Realsatire. Die weltbesten Piloten verkörpern dann diese unfreiwillige Komik, indem sie scheinbar wie blutige Anfänger von der Fahrbahn gleiten. Wer im Gegensatz dazu eine Minute vor der kastrierten Meute ins Trockene gelangt, muss schier Außergewöhnliches vollbracht haben. So wie ein farbiger Brite vor vier Jahren.

| Silverstone (!NS!DE RAC!NG) - Der ehemalige Militärflughafen nordwestlich von London sendete das SOS-Signal: Land unter! Während die breite Mehrheit der Besatzung in der berüchtigten englischen Großwetterlage denn auch kräftig an Auftrieb verlor, durfte der Tower erleichtert aufatmen: Das nationale Flieger-Ass schwebte dem Zielpunkt entgegen, als könnten ihm der peitschende Regen und die sich darunter aufschaukelnden Fluten nichts anhaben. Staunen und Raunen begleitete den Mann mit dem gelben Helm, der sich von all diesen Widrigkeiten nicht beeindrucken ließ - und am Ende der strahlendste Gewinner seit langem war. Getragen von überschäumender Begeisterung, gerührt durch den Jubel der Massen: Die vollgepackten Tribünen glichen einem Tollhaus.

„Das war definitiv eines der härtesten Rennen, aber auch eines meiner Besten, und mit Abstand mein schönster Sieg, den ich jemals erlebt habe. Heute war es keine physische, sondern eine mentale Herausforderung. Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, aber hier bin ich! Als ich die letzte Runde begann, habe ich die Zuschauer gesehen, die aufgestanden sind, und ich habe einfach nur noch gebetet, gebetet und nochmals gebetet und zu mir gesagt: Halt das Auto auf der Strecke, mach‘ jetzt keinen Blödsinn mehr. Man kann sich nicht vorstellen, was in mir vorging. Ich wollte Gas geben, ich wollte es einfach hinter mich bringen.“

Everybody‘s Darling mit Abstrichen

Es war eine famose Fahrt, die der 23-jährige Lewis Hamilton an jenem 6. Juli 2008 bei prekärsten Bedingungen auf den Asphalt zauberte. Ständig wechselnde Umstände, keine Sicht, Rutscheinlagen wie auf Eis. Ein Husarenritt. Der junge Brite hatte bereits in seinem Debütjahr 2007 alle Kenner der Szene verblüfft. Natürlich, mit dem McLaren-Mercedes saß er sofort im mutmaßlich besten Auto. Und dennoch: Den WM-Titel als sogenannter „Rookie“ erst im letzten Rennen und um die Winzigkeit eines mickrigen Pünktchens zu verpassen - das war alles, aber keine Selbstverständlichkeit. Großbritannien glaubte in ihm seinen neuen Renn-Helden gefunden zu haben, und dass er noch dazu der erste dunkelhäutige Formel 1-Pilot war (und bis heute ist), verlieh dem Ganzen sogar einen integrativen Effekt. Es schien endlich alles zusammenzupassen. Doch der Fluch der guten Tat lag ebenfalls auf der Hand: Für die Saison 2008 erwartete die begeisterungsfähige englische Öffentlichkeit von diesem Wunderkind nichts geringeres als den Gewinn der Weltmeisterschaft. Aufgehoben wurde gemeinhin als aufgeschoben interpretiert. Viel Druck für einen Rennfahrer in seinem - nach Meinung vieler - schwierigerem zweiten Jahr. Die Zeit der Bestätigung war gekommen. Und die der Reifeprüfung.

Wie die Ansprüche, so die Fallhöhe: Gewaltig. Das bekam auch Hamilton zu spüren. Als dem unerfahrenen Briten einige Missgeschicke unterliefen, die in seinem Alter eigentlich völlig normal sind, rief dies erstmals Gegenwind hervor - besonders aus der kritischen Heimat. Ein Everybody`s Darling mit Abstrichen. In Bahrain malträtierte er ausgerechnet seinen vormaligen „In-Team“-Feind Fernando Alonso, in Kanada rauschte er dem an der roten Boxengassen-Ampel wartenden Kimi Raikkönen ins Heck. Auch seine bis dato beiden Siege (Australien, Monaco) änderten nichts an der grundlegenden Situation: Bei Lewis Hamilton sollte es immer ein Stück mehr, immer ein bisschen perfekter sein. Diesen Status hatte er sich selbst erarbeitet. Wohl oder übel.

Die Wetterfrösche quaken richtig

Mit diesem Gepäck, das schwer auf seinen schmalen Schultern lastet, reist der McLaren-Mann also zum Grand Prix auf vertrautem Boden, dem altehrwürdigen Klassiker in Silverstone. Hamilton will es allen zeigen. Und prompt geht der Schuss erneut nach hinten los. Er übertreibt es, rutscht in den Dreck und wirft die greifbare Pole-Position weg: Nur Rang vier. Dass sein Teamkollege Heikki Kovalainen ziemlich überraschend zur ersten Trainingsbestzeit seiner Karriere rast, wird Hamiltons Laune mit Sicherheit nicht gerade gesteigert haben. Eine kleine Sensation ist derweil der Zweite: Mark Webber im Red Bull. Die Österreicher mausern sich bekanntlich erst im Folgejahr zum Top-Team, 2008 sind vorzeigbare Resultate eigentlich noch rar gesät. Hinter Weltmeister Raikkönen im Ferrari und eben Hamilton bilden Nick Heidfeld (BMW-Sauber) sowie Fernando Alonso (Renault) Reihe drei. Die beiden WM-Leader, Ferrari-Fahrer Felipe Massa und Heidfelds Stallgefährte Robert Kubica, klassifizieren sich dagegen bloß auf den Plätzen neun und zehn - enttäuschend. Komplettiert wird die spannende Ausgangslage vom Wetterbericht. Für den Sonntag sagen die Meteorologen Regenschauer voraus. Und tatsächlich: Sie sollten Recht behalten.

Auch wenn der feuchte Nachschub von oben beim Start-Showdown ausbleibt - die Fahrbahn ist nass, und entsprechend alle Autos mit Intermediates ausgerüstet. Wie an einem imaginären Seil gezogen, beschleunigt Lokalmatador Hamilton äußerst rasant in den ersten Rechtsknick und verpasst einen Kontakt mit Kovalainen nur um Millimeter. Ganz bitter läuft es für Webber. Der Australier kommt nicht recht vom Fleck, wird zunächst durchgereicht, dreht sich dann und muss aufgrund seiner geringen Benzinmenge (was die eindrucksvolle Qualifying-Performance relativiert) bald zum Nachtanken abbiegen. Mehr als der wenig befriedigende zehnte Rang liegt für ihn nicht mehr in Reichweite.

„Ich dachte nur: Was ist denn hier los...?“

Im fünften Umlauf bringt Hamilton die versammelte Menge zum Kochen: Er geht in Führung! Am Ende der Hangar-Straight macht er mit seinem McLaren-Kollegen Kovalainen kurzen Prozess. Was danach folgt, erinnert in puncto Brillanz und Überlegenheit an ruhmreiche Größen der Historie. Hamilton setzt sich vom Feld ab, und dies mit einer Geschwindigkeit, dass man den Zeitenmonitoren nicht glauben möchte. Manchmal driftet er an die fünf Sekunden pro Runde flotter um den Kurs als seine unmittelbaren Verfolger. Wodurch bisweilen selbst seine eigenen Ingenieure von der Pace ihres Schützlings aufgeschreckt sind. Später offenbart Hamilton den regen Funk-Verkehr: „Das Team sagte mir, dass es 40 Sekunden Vorsprung sind, 48 Sekunden, und so weiter. Und ich dachte nur, was ist denn hier los? Ich bin noch nicht einmal am Limit, sondern fahre eine Pace, bei der ich mich wohl fühle. Aber ich wollte nicht verlangsamen, weil du in diesem Moment vielleicht die Konzentration verlierst. Deshalb meinte ich einfach: So mache ich weiter!“

Zuvor hatte sich übrigens keine derartige Dominanz angedeutet. Nachdem Kimi Raikkönen im inner-finnischen Duell Kovalainen passierte, sah es eher so aus, als ob der Ferrari-Mann eine ernsthafte Gefahr für Hamilton werden könne. Zumindest holte er mit Siebenmeilenstiefeln auf den Silberpfeil auf, und wer weiß, was passiert wäre, hätten die Ferrari-Strategen nicht einen fatalen Strategiefehler begangen: Als der Regen wieder einsetzte und die ersten Stopps anstanden, ließen sie Kimi auf den gebrauchten Intermediate-Pneus, wohingegen Hamilton das einzig Sinnvolle tat und frische Reifen anforderte. Konnte Letzterer seine Spitzenposition bei der Boxenausfahrt nur um Haaresbreite verteidigen, so verschwand der rote Renner alsbald aus seinen Rückspiegeln. Raikkönen kämpfte im Wortsinn mit stumpfen Waffen. Bis die Truppe aus Maranello ihren Fauxpas korrigiert hatte, war Hamilton längst über alle Berge.

„Regenkönig“ Massa

Ein Deutscher sorgt ebenfalls für reichlich Action: Nick Heidfeld. Mit feinem Gasfuß wühlt sich der als Regen-Spezialist bekannte BMW-Pilot nach vorn. Gleich zweimal schnappt er sich zwei Konkurrenten in einem Aufwasch. In Runde 23 sind Timo Glock und Alonso fällig, bald darauf nutzt der listige Mönchengladbacher die Lücke zwischen den sich gegenseitig beharkenden Raikkönen und Kovalainen zu seinem Vorteil und ist dadurch plötzlich Zweiter - jedoch schon mit über einen halben Minute Rückstand auf den enteilenden Hamilton.

Weiter hinten geht es stetig turbulent zur Sache. Die immer heftiger niederprasselnden Regengüsse fordern einigen Fahrer zu viel ab. In erster Linie Felipe Massa, dessen Dreher und Pirouetten sich zusehends zum „running gag“ entwickeln. Nicht weniger als sechs Mal (!) rutschte der Brasilianer von der Piste, selbst auf den Geraden muss der bemitleidenswerte WM-Führende dran glauben. Letztlich beendet er einen vermurksten Arbeitstag als Dreizehnter. Immerhin ergeht es Anderen kaum besser. In loser Folge aquaplanieren sich die verschiedensten Wagen mitsamt Insassen in die klatschnassen Wiesen und Sandbänke. Button, Piquet jr., Sutil, Fisichella, auch Raikkönen und Alonso kreiseln in wilden Bögen umher. Robert Kubica kostet sein Ausritt womöglich ein Podium. Und selbst Souverän Hamilton sieht sich einmal zu einem Wühlmarsch durch die Pfützen gezwungen, ehe er unversehrt auf die Bahn zurückkehren kann.

Nur einer hält sich aus allen Kuriositäten dieses extrem unterhaltsamen und abwechslungsreichen Großen Preises von England heraus. Routinier Rubens Barrichello trifft durchgehend die richtigen Entscheidungen, lässt die Rivalen gegen Rennende auf vollwertigen Regenreifen wie Statisten stehen und ergattert sich den letzten freien Platz auf dem Treppchen. Für das gebeutelte und chronisch erfolglose Honda-Team selbstredend der uneingeschränkte Saison-Höhepunkt. „Einfach fantastisch“, jubelt Barrichello hinterher, „ich konnte die Leute innen und außen überholen - das hatte etwas Magisches!“

Befreiungsschlag, die Zweite?

Die Bühne aber ist speziell für den Protagonisten schlechthin bereitet: Lewis Hamilton, dem im Epilog allerdings noch die Schweißperlen von der Stirn rinnen. Für die Sonnenstrahlen, die sich passenderweise zum emotionalen Höhepunkt vereinzelt ihren Weg durch die finsteren Gewitterwolken bahnen, hat das (neue) Nationalidol keinen Blick - dafür ist er genug mit seinen Nerven beschäftigt. Die letzte Runde absolviert er beinahe im Schritttempo: „Ich musste wirklich sehr, sehr vorsichtig und vernünftig sein. Stell‘ dir vor, du hast eine Minute Vorsprung, kommst dann von der Strecke ab und gewinnst nicht. Da wäre alles aus gewesen, das wäre die peinlichste Story gewesen, die mir einfällt. Ich hätte auf der Stelle mit dem Rennsport aufhören müssen.“

Angesicht dessen darf man froh sein, dass es Hamilton damals doch locker schafft, die Zielflagge zu sehen. Als Erster, versteht sich. Vor Heidfeld, Barrichello, Raikkönen, Kovalainen, Alonso, Jarno Trulli (Toyota) und Kazuki Nakajima (Williams-Toyota). Seine Triumphfahrt ist ein Meilenstein. In England liegen sie ihrem Formel 1-Hero nun endgültig zu Füßen. Und als Hamilton am Jahresende im wohl dramatischsten Finish der Geschichte seine erste WM holt, liegt die Heiligsprechung in naher Ferne. Gefühlt zumindest. Rein faktisch durchläuft der Brite anschließend so manches Tal und leidet speziell in der Pleiten-Saison 2011 vermehrt unter Liebesentzug. Mittlerweile hat sich ein erwachsen gewordener Hamilton wieder gefangen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass er nie wieder so überragend und so konstant unterwegs war wie als unbekümmerter Neuankömmling. Deswegen lässt sich die gegenwärtige Konstellation durchaus mit der von 2008 vergleichen.

Wiederholt sich in Silverstone Geschichte? Wer weiß. Ein Blick gen Himmel kann jedenfalls gewiss nicht schaden... JM

Vorschau

Deutschland: Als ein sensibler Südamerikaner dicke Krokodilstränen vergoss.


-> Lesen Sie mehr von Johannes Mittermeier auf seiner privaten Seite: http://mittermeiers-sportblog.de/

 

 

 

 

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