F1: Amon - Lebensgarantie durch Pechvogel

Benutzerbewertung: / 0
SchwachPerfekt 

Chris Amon hat in der Formel-1 nie ein WM-Rennen gewonnen. Wieso?

F1: Amon - Lebensgarantie durch Pechvogel

von Michael Zeitler

 

Chris Amon hat in der Formel-1 nie ein WM-Rennen gewonnen. Wieso?

Chris Amon auf dem Nürburgring 1972 | Foto: Manfred Förster| Regensburg (!NS!DE-RAC!NG) - „Wenn Amon Bestattungsunternehmer geworden wäre, hätten die Leute aufgehört zu sterben“, wird der F1-Weltmeister von 1978, Mario Andretti, über Chris Amon zitiert. Was der US-Amerikaner damit sagen will: Keiner hatte in der Formel-1 mehr Pech als der Neuseeländer. In 96 WM-Rennen holte er zwar 83 Punkte, elf Podestplätze und fünf Poles – aber keinen Sieg! Keiner hat mehr Führungskilometer absolviert wie Amon, ohne dass er einen Grand Prix im Rahmen der WM gewonnen hätte: 852. Aber nie den letzten eines F1-WM-Rennens.

Nur bei nicht zur Meisterschaft zählenden F1-Rennen war Amon zwei Mal siegreich: 1971 beim Argentinien GP und 1970 bei der jährlich in Silverstone ausgetragenen BRDC International Trophy. Aber gerade ein Blick hinter die Fassade dieses F1-Rennens zeigt, wieso es für Amon nicht öfter mit dem Siegen geklappt hat: Damals fuhr einen March Ford Cosworth, doch Amon zeigte sich mit dem Motor nicht zufrieden. Er beorderte bei den Mechanikern den Wechsel des Triebwerks und tatsächlich bauten die Teams den Motor aus und Amon gewann das Rennen. Aber was er erst danach erfuhr: Die Mechaniker bauten dasselbe Aggregat wieder ein!

Chris Amon hatte gewiss viel Pech. Beim Kanada GP 1968 schied er in Führung liegend aus, weil die defekte Kupplung das Getriebe im Ferrari kaputt machte. Oder 1969 beim Spanien GP, als sein Ferrari-Motor explodierte. Oder beim Italien GP 1971, als er im Matra in den sensationellsten und engsten Zieleinlauf der Geschichte involviert war: Sechs Fahrer in kürzester Zeit im Ziel, das war eben Monza mit den früheren Windschattenschlachten und zahlreichen Führungswechsel. Sechster war – na klar – Chris Amon. Er war gehandicapt, verlor das Visier seines Helmes und kämpfte mit den Tränen. Nicht nur, weil er wieder nicht gewonnen hatte, sondern weil die Zugluft das Wasser in seinen Augen nur so laufen ließ. Oder beim Frankreich GP 1972, als er an seinem Matra einen Reifenschaden hatte und durch einen zusätzlichen Boxenstopp auf Rang drei zurückgeworfen wurde.

Pech hatte er also, aber Amon strotzte auch nicht unbedingt vor Selbstbewusstsein. Es musste immer alles passen, sonst waren seine Leistungen auch gern mal etwas schwächer. Amon kaute Nägel, ihm platzte immer wieder mal der Kragen und er machte sich selbst wirr. Aber das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, welch großartiger Lenkradakrobat der Neuseeländer, der im Juli dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feiern wird, war.

Begonnen hatte damals in den 60er Jahren alles in seiner Heimat. Damals gab es in Neuseeland und Australien noch national sehr große Meisterschaften. Heute ist davon im Formel-Sport nur noch eine schwach besetzte australische Formel-3 über. Doch damals machten sich auch viele F1-Größen im Winter und damit im australischen und neuseeländischen Sommer auf nach Tasmanien zur Tasman Serie. Hier machte Amon erstmals richtig Eindruck und so holte ihn Reg Parnell 1963 in sein F1-Team und ans Steuer eines Lola Climax. 1966 sollte Amon für das neue McLaren-Team seines Landsmannes Bruce McLaren fahren, das 2013 seinen 50. Geburtstag feiern wird, denn zuvor war McLaren bereits in der Tasman-Serie unterwegs. Aber McLaren brachte erst nur einen Wagen an den Start und nachdem auch ein Cooper-Angebot platzte, fuhr Amon 1966 nur einen Grand Prix mit Cooper.

Dafür spannte er mit McLaren für das 24-Stundenrennen von Le Mans zusammen. Mit einem Ford, eingesetzt von Ex-F1-Pilot Carroll Shelby, gewannen die beiden den Sportwagen-Klassiker. Ein Jahr später gewann Amon mit dem 24-Stundenrennen von Daytona den zweiten Langstrecken-Höhepunkt des Jahres. Dann fuhr er schon für Ferrari, gemeinsam mit Lorenzo Bandini. 1967 war auch sein bestes F1-Jahr, er wurde Gesamt-Vierter.

1970 wechselte Amon zu March, 1971 zu Matra. Doch richtig Glanzpunkte konnte er nicht mehr setzen. Also lief er Gefahr, 1974 auf dem Transfermarkt zwischen Stuhl und Bank zu fallen. Kurzerhand gründete er sein eigenes Team. Experimentierfreudig war Amon ja, wie das eben so ist mit den Fahrern aus der Region, schließlich haben auch Jack Brabham und Bruce McLaren eigene Teams gegründet. Amon wollte beim Italien GP 1968 einen Brabham BRM privat einsetzen, scheiterte aber an der Qualifikation. 1972 gründete er gemeinsam mit dem ehemaligen BRM-Manager und -Ingenieur eine Firma, die Rennmotoren für die Formel-2 bauen sollte. Für Amon war das ein finanzielles Verlustgeschäft.

Eigentlich hätte er daraus seine Lehren ziehen sollen, stattdessen gründete er 1974 sein eigenes Team, gemeinsam mit seinem Finanzier John Dalton. Doch der wollte natürlich nicht endlos Geld ins Projekt pumpen und so bauten beide einen Business-Plan auf: Sie wollten einen Rennwagen für die Formel-5000 bauen, die aerodynamisch den F1-Boliden quasi glichen, manche F1-Rennwagen wurden auch in die Formel-5000 geschickt. Die F5000-Rennwagen, die von einem Repco-Motor angetrieben werden sollten, sollten verkauft und mit diesem Geld das F1-Projekt finanziert werden. Aber der F5000-Amon wurde nie fertig.

Und auch der F1-Rennwagen, designed vom noch sehr unerfahrenen Gordon Fowell, hinkte dem Zeitplan hinterher. Der Wagen war aerodynamisch schwierig zu fahren, vor allem sehr unzuverlässig. Amon erinnerte sich vor einigen Jahren: „Ich musste mich nur ins Auto setzen, schon fiel irgendetwas ab.“ Drei Nichtqualifikationen, nur in Spanien dabei – aber nicht bis zum Rennende. Das war die Amon-Teambilanz. Noch im selben Jahr hörte er auf und ging zu BRM. Es folgten noch zwei F1-Jahre für Ensign und Wolf aber an alte Erfolge (auch wenn die ganz großen eben ausblieben) konnte Amon nicht mehr anknüpfen.

Er blieb dem Motorsport auch darüber hinaus erhalten, war einer der Berater für den neuseeländischen Kurs in Taupo und er unterstützte auch die Toyota-Racing-Series, die zwar bis heute wegen ihrer kleinen Formel nie an die Tasman-Serie heranreichen konnte, aber durchaus jetzt auch schon von prominenten Nachwuchsfahrern aus Europa besucht wird. In der Formel-Toyota gibt es auch noch einen der letzten Grand Prix, der nicht von F1-Rennwagen ausgetragen wird: Den Neuseeland GP. Dass der in Kürze wieder in den F1-Kalender zurückkehrt gilt als äußerst unwahrscheinlich, deswegen ist der Australien GP das Heimrennen für Amon.


Add a comment
Wir haben 75 Gäste online

Next Race:

© 2008 - 2013 !R Redaktionsgemeinschaft / !NS!DE-RAC!NG Online Magazin
Ein Angebot der RTV-WORLD MediaGroup - Fa. Roland Schäfges: Katzenberger Weg 114 - 56727 Mayen - www.rtv-world.de - redaktion@inside-racing.de