Rennen im Rückspiegel: GP Australien 2003 - Langweilig!

Geschrieben von: Johannes Mittermeier.

 

Wer nicht gerade Ferrari-Fan, der konnte den vorhersehbaren Rennen der Saison 2002 herzlich wenig abgewinnen. Michael Schumacher stand schon im Juli als Champion fest. Neue Regeln braucht das Land, beschloss also der aufgeschreckte Weltverband. Dass der 9. März 2003 die Formel-1-Jünger unerwartet abrupt aus dem Schlaf reißt, ist allerdings nicht den Paragraphenreitern, sondern den chaotischen Umständen zu verdanken.

 

ruckblick_logo| Melbourne (!NS!DE RAC!NG) - Vor zehn Jahren kennt die Formel 1 weder KERS noch DRS, die unsäglichen Pirelli-Reifen liegen weit in der Zukunft, und Michael Schumacher ist der König mit einer Heerschar an treuer Gefolgschaft. Machen wir‘s kurz: Verdammt lang her. Als auffällige Gemeinsamkeit taugt allein die Begeisterung der FIA für Reglementsumwälzungen. Was heutzutage manchmal wie purer Aktionismus wirkt, stützt sich damals auf klare Motive. Man braucht nichtmal Insider sein, um diese zu verstehen. Die erdrückende 2002er Überlegenheit von Ferrari - Schumacher und Barrichello gewannen 15 von 17 Rennen - hatte böse Schlagzeilen von der „Formel Langeweile“ hervorgerufen, Bernie Eccelestone fürchtete um Attraktivität und, natürlich, Einnahmequellen der Serie. Die Änderungen für 2003 sind demnach mehr als Fußnoten des Regelbuches. Sie sollen Ferraris Siegesdrang stoppen.

Rund um ein modifiziertes Qualifying, bei dem jeder Fahrer in einer einzigen fliegenden Runde seine Startposition herausholen muss, liegt die kritischste Neuerung begründet: Das Verbot des Nachtankens zwischen Quali und Rennen. So sind die Teams zu einem Spagat gewzungen: Entweder man versucht mit geringer Spritmenge weit vorne zu landen und nimmt im Rennen den Nachteil eines frühen Stopps in Kauf - oder man opfert zugunsten eines längeren ersten Turns Startplätze und zum Teil mehrere Startreihen. Weil niemand weiß, wer wie schwer unterwegs ist, kann die tatsächliche Leistungsstärke höchstens erahnt werden. Außerdem wird die Pole Position massiv entwertet.

Kräfteverhältnisse, so eindeutig wie der Wetterbericht

Die Startaufstellung zum Großen Preis von Australien in Melbourne gleicht einem munteren Würfelspiel. Nur die erste Reihe bietet das gewohnte Bild: Rot allerorten, Weltmeister Schumacher vor Edelhelfer Barrichello. Auch Juan-Pablo Montoyas dritter Platz ist im BMW-Williams noch an der Tagesordnung, dahinter aber zeigt das neue Format sofort seine Auswirkungen. Heinz-Harald Frentzen (Sauber) Vierter, Olivier Panis (Toyota) auf fünf, gefolgt von Jacques Villeneuve (BAR-Honda), dem Sauber von Nick Heidfeld und dem zweiten BAR von Jenson Button. WM-Mitfavorit Ralf Schumacher muss sich mit Position neun begnügen, die beiden McLaren-Mercedes-Piloten finden sich auf ungewohntem Terrain wider: David Coulthard ist Elfter, Kimi Raikkönen steht nach einer ungewollten Erkundung der Botanik gar nur in der drittletzten Reihe. Wer Geld auf Silber setzt, wird am Samstag möglicherweise für verrückt erklärt - tags darauf sollte das alte Motto gelten: Wer zuletzt lacht...

Die wahren Kräfteverhältnisse sind in etwa so offenkundig wie die Aussagekraft des australischen Wetterberichts. Toyota, Sauber, BAR in geheimnisvoller Lauerstellung, BMW und McLaren im düsteren Mittelfeld, und selbst über der vermeintlichen Dominanz Ferraris liegen dunkle Wolken. Genau wie am Renntag über Melbourne. Regenkapriolen verursachen vor dem Start erhöhte Pulsausschläge. Als die Piloten die neue Saison unter die Räder nehmen, wählen fast alle angesichts feuchter Strecke die sichere Variante: Regenpneus. Auch Raikkönen, der jedoch bereits nach der Einführungsrunde an die Boxen sprintet und sich Trockenreifen montieren lässt.

Die Anfangsphase ist von zwei Komponenten geprägt: Davoneilenden Ferraris und einem erfreulichem Kuddelmuddel in deren Schlepptau. Heidfeld geigt groß auf, ist plötzlich Dritter, ehe er zunächst in Trouble und dann in den vorzeitigen Feierabend gerät. Ein Dreher, das Aus. Coutlhard wechselt in Runde drei von Regen - auf Trockenbesohlung, der Rest zieht kurz darauf mit. Michael Schumachers Routineübung geht daneben - 14,2 Sekunden, der Deutsche verliert an Boden. Montoya erbt die Führung, Renault-Mann Jarno Trulli Platz zwei. Und Raikkönen ist schon Vierter.

Praktisch zeitgleich zündet Barrichello die erste Neujahrsrakete. Mit einem Knalleffekt rodelt der Brasilianer in die Begrenzungsmauer. Debütant Ralph Firman (Jordan) will ihm da nicht nachstehen und crasht an exakt derselben Biegung. Safety-Car-Kommandeur Bernd Mayländer wird zum Dienst befohlen. Die Schicht dauert drei Runden und erfährt ein paar Minuten danach ihre Fortsetzung. Jaguar-Fahrer Mark Webber hatte ungünstig auf der Piste geparkt. Weitere drei Umläufe und viele Boxenbesuche des bunt gemischten Feldes später, übergibt das Mercedes-Coupé die Führungsarbeit an ein silbernen Pendant - Kimi Raikkönen hat sich in 20 Runden von ganz hinten nach ganz vorne geschlichen. Nicht schlecht.

Schon wieder so ein Finne...

Michael Schumacher ist wieder Zweiter, und David Coutlhards Fahrt an dritter Stelle hellt die Mienen der McLaren-Fans parallel mit denen der Meteorologen endgültig auf. Lass die Sonne in dein Herz! Als Schumi zum zweiten Mal in die Tempo-80-Zone zum Service abbiegt, liegen die beiden Mercedes an der Spitze. Besser noch: Montoya folgt mit einem Respektabstand von 15 Sekunden. Von solchen Sphären träumt BMW-Kollege Ralf: Eine Pirouette wirft ihn noch weiter zurück. Bei Halbzeit ist er Elfter, Bruder Michael Sechster, Heinz-Harald Frentzen hervorragender Vierter.

Der Ferrari-Champ merkt, dass ihm ein neuer Gegner erwächst, und dass dieser frappierende Ähnlichkeiten zu einem alten Bekannten aufweist. Der junge Mann sitzt ebenfalls im Silberpfeil, ist ebenfalls Finne - und offenbar (mindestens) so talentiert wie Ex - und Lieblingsrivale Mika Häkkinen. Kimi Raikkönen ist 23 und fährt wie ein Routinier. Das Leid für den Weltmeister: Er tut dies vor seiner Nase. Am redefaulen Nordlicht, den Ron Dennis in diesen Tagen „Iceman“ tauft, findet Schumacher keinen Weg vorbei, so sehr er sich auch abstrampelt. Ein kleiner Ausflug in die Wiese demonstriert einerseits Schumachers Entschlossenheit und andererseits seine zunehmende Verzweiflung in Kimis Heckpartie.

Die unkonventionelle Linienwahl hat Konsequenzen: Ein Windabweiser löst sich, bremst Schumacher in seiner Kampfeslust und veranlasst die Rennleitung, den Ferrari zu einer Inspektion an die Garage zu zitieren. Schumacher hätte jedoch ohnehin ein weiteres Mal nachtanken müssen. Das allerdings verdeutlicht: Das überarbeitete Vorjahrsmodell ist schnell, aber kein Geschoss von einem anderen Stern. „Unter normalen Bedingungen waren wir auf jeden Fall auch mit dem alten Auto konkurrenzfähig“, wirft der Deutsche hinterher ein. „Heute ist einfach zu viel schief gelaufen. Die Reifenwahl, zwei Safety Cars, dann das beschädigte Auto - es waren viele Umstände, die dazu beigetragen haben, dass wir nicht gewonnen haben.“

Juan-Pablo Montoya kann sich diesbezüglich auf keine Ausreden stürzen. Tut er auch nicht. „War ganz klar mein Fehler. Shit happens“, kommentiert er reuig seinen Dreher elf Runden vor Schluss. Montoya fuhr einem eigentlich sicheren Sieg entgegen, lag vor Coulthard, dann ereilt ihn das Malheur ohne ersichtlichen Grund. Der Schotte nimmt die Blumen dankend an. Keiner ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass es sein letzter Sieg in der Formel 1 werden sollte.

Haug, der Seher

Raikkönens famose Darbietung gipfelt nicht im verdienten Happy End. Denn er hätte gewinnen können, ja müssen. Doch eine Zehn-Sekunden-Strafe wegen zu schnellem Fahren in der Boxengasse macht Mögliches unmöglich. Kimi trifft im Übrigen keine Schuld, er hatte den Speed-Limiter gedrückt. „Es war ein Teamfehler, ein Softwareproblem“, erklärt Ron Dennis. Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug tröstet: „Ich bin sicher, dass er bald dran sein wird.“ Zwei Wochen darauf holt Raikkönen seinen Premierensieg in Malaysia... Haug, der Seher.

Ein in jeder Hinsicht turbulenter Grand Prix von Australien sieht hinter Coulthard, Montoya, Raikkönen und Michael Schumacher auf den weiteren Plätzen: Trulli, Frentzen, Fernando Alonso (Renault) sowie einen eher enttäuschenden Ralf Schumacher als Achten, der immerhin noch einen Zähler abstaubt. Auch das Punktesystem war vor der Saison 2003 verändert worden - im Sinne der Spannung. Nicht nur für BMW-Motorsportdirektor Dr. Mario Theissen stimmt endlich der Unterhaltungswert: „Wenn sich jetzt noch jemand beschwert, es sei langweilig, dann weiß ich nicht, was man dem noch bieten könnte. Das war sicher einer der besten und spannendsten Grand Prix der letzten Jahre. Für mich manchmal sogar zu spannend.“

Und das ganz ohne verstellbare Heckflügel. Wahnsinn. JM


Vorschau

Malaysia: Als die Zielflagge in Frankreich fiel.


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