Rennen im Rückspiegel - GP Malaysia 1999 : Schweißtreibende Millimeterarbeit

Geschrieben von: Johannes Mittermeier.

 

Michael Schumacher gestaltet seine Rückkehr in den Rennbetrieb zu einer Demonstration erster Klasse - trotzdem dreht sich in den Tagen danach alles um die Rechtmäßigkeit von kleinen Luftleitblechen. Dabei hätte die Tortur im malaysischen Schwitzkasten auch ohne grünen Tisch reichlich Gesprächsstoff geboten.


 

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| Sepang (!NS!E RAC!NG) - Plötzlich platzt es wie eine Bombe! Zwei Stunden, nachdem Ferrari einen frenetisch gefeierten Doppelsieg errungen hatte, werden Eddie Irvine und Michael Schumacher disqualifiziert. Die FIA reagiert auf einen reportieren Regelverstoß ihrer Kontrolleure: Bei der Abnahme der Wagen im Parc fermé sollen die seitlichen Windabweiser an beiden Autos geringfügig zu breit sein. Die Sportkommissare stellen fest, dass die Spoiler um zehn Millimeter von der Norm abweichen. Mika Häkkinen ist damit vorzeitig Formel-1-Weltmeister der Saison 1999.

 

Wie gesagt: Vorzeitig. Ferrari legt umgehend Berufung gegen das Urteil ein. Kurzfristig wird ein Verhandlungstermin in Paris für den kommenden Freitag angesetzt. In den Tagen dazwischen geistern allerhand Verschwörungstheorien, Stimmen und Stimmungen durch den internationalen Blätterwald. Dann der Paukenschlag: Ferraris Einspruch wird stattgegeben. Die Leitbleche würden nur um die Toleranzgrenze von fünf Millimeter vom Standardmaß divergieren, erklären die Richter. Irvine und Schumacher erhalten somit ihre Punkte aus Malaysia zurück, Häkkinens Titelgewinn ist null und nichtig. Und die Formel 1 hat ihren Skandal. Gerade die Begründungen wirken abstrus: In Malaysia wäre in „unzulässiger Art und Weise“ und mit „unbrauchbaren Instrumenten“ gemessen worden, von einer Illegalität der Ferraris könne keine Rede sein.

 

Warum technische Delegierte in der höchsten Motorsportklasse anscheinend mit ungeeigneten Werkzeugen arbeiten müssen, ist bloß eine Frage von vielen, deren Beantwortung eine leere Worthülse bleibt. McLaren-Mercedes, Hauptgeschädigter der widerrufenen Disqualifikation Ferraris, wittert die Spur aus einer anderen Richtung. Schließlich wird die Weltmeisterschaft jetzt zwar auf der Strecke, aber eben - und das ist der springende Punkt - erst im letzten Grand Prix entschieden. Selbst für Mathematik-Muffel ist die Rechnung dabei denkbar simpel: Die Aussicht auf ein spannendes Finale erhöht die weltweite Aufmerksamkeit. Ein potenziertes Interesse lockt mehr Menschen vor die TV-Bildschirme, dadurch steigen Einnahmen und Erlöse. Entsprechend pikiert dringen die Laute aus dem Hause McLaren zu Tage: „Es wird zu klären sein, ob die Königsklasse des Motorsports nach eindeutigen Regeln abgehalten wird, die von allen Teilnehmern uneingeschränkt akzeptiert werden.“

 

Zynismus ist meine Rüstung: FIA steht bei vielen von nun an für Ferrari International Assistance...

 

Ungeachtet der tatsächlichen Bedeutung der Windabweiser scheint die Formel 1 in diesen Tagen vor einer Grundsatzfrage zu stehen. Was will sie auf‘s Spiel setzen? Einen fernsehgerechten Showdown - oder ihre Glaubwürdigkeit?

 

Rückkehr des roten Ritters

 

Rollen wir die Geschehnisse chronologisch auf. Mika Häkkinen bringt einen hauchdünnen Zwei-Punkte-Vorsprung auf Eddie Irvine nach Kuala Lumpur. Heinz-Harald Frentzen, die große Überraschung der Saison, liegt im Jordan zwölf Zähler hinter dem „fliegenden Finnen“. Drei Fahrer aus drei Teams besitzen also noch (theoretische) WM-Chancen. Dass Michael Schumacher nicht zu ihnen zählt, liegt am 11. Juli 1999 - seinem Unfall in Silverstone, bei dem er sich ein Bein brach. Die ungeduldigen Italiener warteten seitdem praktisch im Wochenrhythmus auf das Comeback des Deutschen, doch Schumacher konnte die hoffnungsvollen Forderungen nach rascher Genesung nicht erfüllen. Wegen mangelnder Fitness musste er sein Comeback immer wieder aufschieben. Nun aber, in Malaysia, beim vorletzten Rennen des Jahres, ist es so weit: Schumacher kehrt ins Ferrari-Cockpit zurück.

 

In seiner 98-tägigen Zwangspause hatte sich die WM-Konstellation gänzlich verschoben. Irvine, die einstige Ferrari-Nummer zwei, war zum großen Konkurrenten von Häkkinen avanciert. Wegen der Defektanfälligkeit des McLaren und auch, weil sich der ansonsten so besonnene Titelverteidiger manch haarsträubenden Fehler erlaubte, schickt sich der Nordire an, erster Ferrari-Weltmeister seit 20 Jahren zu werden. Sprich: Irvine kann exakt das erreichen, was eigentlich Schumacher vorbehalten sein sollte. Wenn es nach ihm ging.

 

Aber so wie Irvine stets den Geleitschutz für seinen Teamleader gegeben, so wie Ferrari immerzu auf ein Pferd gesetzt hatte, so muss auch ein Schumacher im Sinne des Gesamterfolgs eigene Interessen unterdrücken. Erschwerend kommt hinzu, so denkt man zumindest, dass er für seinen Wiedereinstieg eine unbarmherzige Hitzekammer gewählt hat. Die tropischen Temperaturen in Malaysia bringen Mensch und Material an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Wer konditionell geschludert hat, wird in der Sauna von Sepang elendig dafür büßen müssen.

 

1999 macht die Formel 1 dort übrigens zum ersten Mal Station. Die von Hermann Tilke konzipierte Strecke feiert seine allseits gelobte Feuertaufe und sollte - wie wir heute wissen - der Auftakt zu einer Inflation an Neubauten in Asien sein. Im Qualifying beginnt Michael Schumacher mit seinem malaysischen Triumphzug. Er watscht die versammelte Konkurrenz mit einer Überlegenheit ab, dass es selbst McLaren-Boss Ron Dennis „die Tränen in die Augen“ treibt. 1,1 Sekunden fehlen dem Zweitplatzierten Eddie Irvine auf seinen Teamkollegen, die Silber-Packung wird vollends kastriert: Mika Häkkinen und David Coulthard liegen noch weiter zurück. Die dritte Reihe ist komplett in weiß getaucht - Steward-Ford-weiß nämlich, wobei Johnny Herbert nach seinem verrückten Nürburgring-Sieg erneut Rubens Barrichello in den Schatten stellt. Heinz-Harald Frentzen muss seine vagen WM-Träume indes begraben. Eine Horde von Problemen lässt nicht mehr als Rang 14 zu.

 

Die Party, die Blonde, der Alkohol...

Die Renn-Geschichte gliedert sich in drei voneinander separierte Abschnitte. Zunächst zieht Schumacher wie an einem imaginären Seil gezogen dem Feld davon, nach drei Runden verlangsamt er das Tempo und tritt Team-taktisch die Führung an Irvine ab. Schumacher hat verstanden, was seine Aufgabe ist an diesem Wochenende: Sie besteht einzig und allein darin, Irvine vor Häkkinen ins Ziel zu manövrieren. Wenn es sein muss, mit allen erlaubten Mitteln. Und Ferrari bestimmt: Es muss sein.

 

Denn was danach folgt, ist ein Spielchen mit fadem Beigeschmack. Da, wo Häkkinen sowieso nicht überholen könnte, blockt Schumacher den Finnen gezielt. Die eigentliche List aber besteht in der Wankelmütigkeit des Deutschen, der sein Tempo durchgehend variiert und Häkkinen dahinter in der tropischen Suppe buchstäblich zum Kochen bringt. „Michael fuhr in den Kurven nicht gleichmäßig schnell. Weil er mal eher, mal später bremste, musste ich ständig aufpassen, dass ich ihm nicht ins Heck rutsche,“ gibt Mika hinterher frustriert zu Protokoll. Um dann anzuhängen: „Aber ich kann Ferrari nichts vorwerfen - in einer vergleichbaren Situation würden wir wohl ähnlich handeln.“ Eine Sicht der Dinge, die er nicht mit seinem Boss abgesprochen hatte. „Nein, das kommt für uns nicht in Frage. Wir beschweren uns zwar nicht öffentlich, aber ich halte diese Vorgehensweise für nicht sehr sportlich“, schnaubt Ron Dennis.

 

Bevor Häkkinen überhaupt großflächig in den Schumacher‘ schen Rückspiegeln auftaucht (und für lange Zeit nicht mehr aus diesen entschwindet), unterlief dem Ferrari-Piloten ein Fehler, der die Szenerie vollkommen hätte durcheinanderbringen können. In der fünften Runde quetschte sich David Coulthard an Schumacher vorbei. Unverzüglich heftete sich der Schotte an die Fersen von Irvine, und Teamchef Dennis wähnte die Trümpfe schlagartig wieder auf seiner Seite: „Eddie hätte viel, aber David wenig zu verlieren gehabt - umso konsequenter wäre sein Überholmanöver ausgefallen.“ Doch dem feierlustigen Nordiren bleibt ein womöglich unangenehmer Flirt mit Coulthard erspart. In Runde 15 kollabiert dessen Benzindruck. Coulthard muss sich in etwa fühlen wie auf einer Party, bei der du auf die schöne Blonde zusteuerst, aber ein paar Schritte vor ihr Opfer deines Alkoholkonsum wirst und unfreiwillig die Biege machst...

 

Ein Podium als Sinnbild

 

Auch den Gefallen einer Zwei-Stopp-Strategie bei Michael Schumacher - die seine anfänglichen Rekordzeiten erklärt hätte - tun die Italiener ihrem schwäbisch-britischen Rivalen nicht. Stattdessen ist es Mika Häkkinen, der neun Runden vor Schluss überraschend ein weiteres Mal vor der McLaren-Garage einkehrt. Zu allem Übel schlüpft dadurch ein wie entfesselter Johnny Herbert am Skandinavier vorbei. Erst im drittletzten Umlauf knackt dieser die Barriere. Die rote Doppelspitze aber ist längst außer Reichweite. Ein-Stopper Schumacher führt vor Zwei-Stopper Irvine. 

 

Der dritte Abschnitt des Rennens ist eine Kopie des Ersten. Schumacher wartet auf Irvine, um ihn kurz vor dem Ende abermals passieren zu lassen. Nicht nur deswegen darf der Deutsche als eigentlicher Sieger von Malaysia betrachtet werden. Fahrerisch in einer eigenen Liga unterwegs, liefert die Podiumszeremonie dafür einen weiteren Beweis: Ein völlig ausgepumpter Irvine steht da ganz oben, mit hochrotem Kopf und klatschnass geschwitzten Haaren. Daneben ist der Drittplatzierte Mika Häkkinen gar dem Kollaps nahe. Wieder und wieder muss er sich während der Hymnen mit den Händen auf seinen Knien abstützen. Ein Sauerstoffzelt wäre vermutlich angebrachter gewewsen als die Champagnerflasche. Allein Schumacher hat die Schinderei im Glutofen augenscheinlich wenig angehabt. Nach vollbrachtem Tagwerk wirkt er fast so frisch wie vor dem Rennen.

 

Eddie Irvine übernimmt durch seinen vierten Karriere-Sieg die WM-Spitze. Doch die dazugehörige Sause wird jäh beendet - als die FIA-Kommissare bei der turnusmäßigen Kontrolle auf Windbleche vor den Kühleinlässen stoßen... JM

 


Vorschau

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