!NS!DE RAC!NG diskutiert: Nervt die deutsche Medien-Brille?

Ein Thema, zwei Meinungen. In dieser Woche behandeln wir den kränkelnden Patienten, der an der Deutsch-Sucht leidet.

 


Nicht der beeindruckende Sieg von Kimi Raikkönen wurde in den heimischen Gazetten und den übertragenden Sendern als Aufmacher in die Welt hinausposaunt, sondern das Abschneiden von Sebastian Vettel. „Nur Dritter“ war er geworden, groß und breit prangte die Schlagzeile in der Presse, lang und übergeordnet schlachtete das Fernsehen seine 58 Runden von Melbourne aus. Überraschen konnte das nicht - stören schon?

 

Pro

Johannes Mittermeier: Deutsches Festmahl, aber wo ist das Fest?


Manchmal muss man den Eindruck gewinnen, dass deutsche Fahrer allein wegen ihres Passes zu heroischen Taten befähigt sind. Wer deutsch ist, scheint Auto-matisch zu Personen von unfassbarer Wichtigkeit zu gehören. Den Rest nimmt man als bloßes Beiwerk mit. Diese vermeintliche Zweiklassengesellschaft veranlasst die verschiedenen Nachrichtenkanäle immer häufiger dazu, sich nicht breitgefächert aufzustellen. Deutsche Piloten stehen in deutschen Medien verstärkt im Fokus, das ist verständlich und logisch. Allerdings lässt eine solche Form der Vermittlung eine gesunde Portion Objektivität vermissen, die ein (neutraler) Zuschauer einfordern darf. Wer kennt schon die wirklichen Interessen und Vorlieben des TV-Volkes? Das Schumacher-Comeback hat die Quoten nicht zurück auf das Niveau der Boom-Zeiten pulverisiert. Das könnte an der negativen Entwicklung der Formel 1 liegen oder an falschen Erwartungen an den einstigen Held der Massen. Vielleicht haben Vettel, Rosberg, Schumacher hierzulande weniger Fans als gedacht, vielleicht Button, Massa, Webber mehr Anhänger als angenommen.  

 

Es geht im Übrigen nicht nur um das viel kritisierte RTL-Konzept, auch Sky ist bedauerlicherweise auf den Zug aufgesprungen. Diese Philosophie - ein schönes Wort für einen unschönen Trend - ist bei jedem Rennen und jeder Berichterstattung zu erkennen. Klar wollen wir Emotionen nach Hause transportiert bekommen, aber nicht immer sind es unsere Landsmänner, die hauptverantwortlich für außerordentliche sportliche Leistungen zeichnen - was das Normalste der Formel-1-Welt ist. Dennoch verkörpern ausländische Piloten entweder Rollen böser Halunken oder belangloser Statisten, die vom deutschen Festmahl an guten Tagen die Überbleibsel erhalten. Dass die Rennserie gerade aus dem Mix an verschiedenen Nationalitäten, Kulturen und Eigenarten ihrer Charaktere lebt, wird offenbar zusehends vergessen. Und wenn für einmal die deutsche Brille an die Nasenspitze geschoben wird, um mit verschwommenen Blick darüber zu schielen, dann tischen sie einem die immer gleichen Stereotype auf. Raikkönens Durst zum Beispiel.

 

Dabei wäre besondere Kreativität gar nicht von Nöten, doch schwarz-rot-gold vernebelt anscheinend die Sinne. Man möchte rufen: Hey, Leute! Da draußen habt ihr einen riesigen Tummelplatz, klappert doch mal ein paar andere Buden ab als die deutsche Botschaft.


Damit wir uns richtig verstehen: Als etwa Schumacher 2000 und Vettel 2010 zu ihren Titeln rasten, wäre eine neutrale Schilderung ja geradezu töricht gewesen, höchst unangebracht in jedem Fall. Das waren Ereignisse, die Sportgeschichte schrieben, und deutsche Piloten betätigten sich als Autoren. Alles andere als eine patriotisch gefärbte Berichterstattung hätte man den Betreffenden als professionelle Fehlleistungen ankreiden müssen. Doch viel zu selten wird im Alltag ein brauchbares Mittelmaß gefunden. Beim ersten von 19 Rennen einer Weltmeisterschaft darf durchaus die souveräne Performance eines Finnen betont werden. „Aus deutscher Sicht“ bekommt der hilflose Konsument die Geschehnisse an den Strecken noch oft genug vorgekaut.

 

Contra

Natalie Rusch: Mittel zum Zweck, aber nicht nur


Ja, in der Tat kann einem dieses "Aus deutscher Sicht" auf die Nerven gehen. Aber auch nicht mehr als "Auch wir machen einen kurzen Boxenstop" oder "Im Fußballjargon würde man sagen...". Es nervt, weil es zu häufig kommt, vor allem aber, weil die Hälfte der Deutschen allergisch ist gegen alles Deutsche und die andere Hälfte nicht, es sich aber nicht traut zu sagen, weil die erste Hälfte Gift und Funken sprüht.


Es ist nichts Schlechtes an Identifikation. Wir haben doch mittlerweile eingesehen, dass Kriege und Rassismus keine gute Idee waren, aber warum muss man dann Identifikation und das letzte bisschen Augenwischerei aufgeben? Selbst Kriegsrhetorik gehört zum Sport dazu, der so auch als Ventil fungiert für die Instinkte des Menschen und hinterher haben sich alle wieder lieb und wir umarmen gemeinsam Bäume. Dabei gehört dieses "Aus deutscher Sicht" nicht mal in diese Kategorie, sondern drückt schlicht nur aus, unter welchem Fokus die Berichterstattung steht, um sie für alle auf einen Nenner zu bringen. Da die deutschen Zuschauer nur gemeinsam haben, dass sie durch Geburt, Wohnort oder sonstiges Zugehörigkeitsgefühl mit Deutschland verbunden ist, ist es nur natürlich, das Geschehen unter diesem Aspekt zu analysieren. Es geht auch um (Fan)-Mehrheiten und Repräsentation. Mal ehrlich: Wer interessiert sich für die politischen Nachrichten aus Neuseeland? Niemand, also finden sie in der Regel keinen Platz in den Nachrichten. Und genauso ist es auch in der Formel 1 als Großsportart in Deutschland. Alles in den Medien ist auf das Interesse des Zuschauers zugeschnitten und die interessiert nunmal mehr, wie der Fahrer aus Wiesbaden, Heppenheim oder München abgeschnitten hat als einer aus der Nähe von Helsinki, Oviedo oder Sao Paulo.


Das Interesse der Massen ist der springende Punkt. Daran knüpfen sich neben Identifikation auch noch Emotion und Unterstützung.


Wer Insider eines Sportes ist, schaut sowieso zu. An Emotionen muss man nicht appellieren, Unterstützung ist ebenso vorhanden. Es gilt also eine Gruppe zu ködern, denen man Emotionen einpflanzen kann, denn kein Sponsor - und das sind die Motoren des Motorsports - ist an Neutralität interessiert. Ohne Sponsoren aber keine Rennen und somit auch kein Fernsehen und keine Werbeeinnahmen. Emotionen und Unterstützung schließen also den Kreis von Identifikation zu Geld. Was ist daran so schwer zu verstehen, dass man das "Aus deutscher Sicht" verteufeln muss?


Nehmen wir es hin, denn es hilft allen anderen, ihren Sport weiterhin in den Massenmedien repräsentiert zu sehen, sodass insgesamt die Existenz dieses teueren Sportes gesichert bleibt. Verstehen wir, dass es ok ist, regionale Produkte zu fördern, ob es um Spreewaldgurken und Lübecker Marzipan geht oder Vettel und Hülkenberg. Und akzeptieren wir, dass der Wunsch nach Identifikation, so platt er manchmal ist, wenn er sich auf so etwas Trockenes wie Nationalität beschränkt, Teil der menschlichen Seele ist.

 

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