F1: Die ewige Liste der Teamorder

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In der GP-Geschichte gab es schon allerhand Teamorder-Geschichten.

F1: Die ewige Liste der Teamorder

 von Michael Zeitler

 

In der GP-Geschichte gab es schon allerhand Teamorder-Geschichten.

| Sepang (!NS!DE-RAC!NG) - Die drei erstplatzierten des Malaysia GP sollten auf dem Treppchen feiern – aber alle drei schauten böse drein. Vettel, weil ihm klar war: Sein Sieg war ein Betrug am Teamkollegen. Webber, weil er um den Sieg betrogen wurde. Und Hamilton, weil er wusste: Eigentlich hätte Nico Rosberg diesen dritten Platz haben müssen. Malaysia 2013: Erst das zweite Saisonrennen, aber schon gibt es Stallorder bei Red Bull und Mercedes. Auch wenn es nur in der Form von „Position halten“ war, also quasi in Gewand eines Nichtangriffspaktes.

Einen Nichtangriffspakt gibt es immer wieder. Meistens, weil der in der WM besser platzierte Fahrer bevorzugt wird (so wie Felipe Massa in Südkorea 2012), oder weil das Team die Plätze unbedingt nach Hause fahren will. Wie zum Beispiel in Belgien 1998: Damals war das Jordan-Team auf dem Weg zu einem Doppelsieg, für die lustige Truppe um Eddie Jordan eine Sensation. Damon Hill führte das Rennen vor Ralf Schumacher an. Der Deutsche konnte schneller, aber Jordan gab die Order raus: Schumacher sollte hinter Hill bleiben. Ein Duell der beiden hätte das Team um den größten Triumph der Teamgeschichte bringen können.

Ralf Schumacher hat sich damals an die Teamanweisungen gehalten, Vettel in Malaysia nicht. Aber das ist der dreimalige F1-Weltmeister beileibe nicht in einsamer Gesellschaft: Selbst Mark Webber hat in Großbritannien eine ähnliche Anweisung des Teamchef Christian Horners missachtet und griff Vettel an. Webber kam nicht vorbei und wurde letztlich hinter ihm Dritter. Aber es gab auch schon skandalösere Missachtungen: Beim Brasilien GP 1981 ignorierte Carlos Reutemann die Aufforderung von Frank Williams, Alan Jones Platz zu machen. Reutemann gewann – war danach bei Williams aber nie wieder glücklich. Noch heute ist Reutemann überzeugt: Mit mehr Unterstützung von Williams hätte er 1981 Weltmeister werden können.

Alain Prost hatte ein Jahr später mit Renault noch intakte WM-Chancen, als der F1-Tross in Frankreich Halt machte. René Arnoux wollte den Heim-GP aber auch unbedingt gewinnen und so ließ er Prost ebenfalls nicht vorbei, sondern gewann das Rennen. Und selbst in der goldenen Ära des GP-Sports gab es schon Fahrer, die ihre Interessen über jene des Teams setzten. Beispiel Deutschland GP 1938: Die Regel hieß damals: Wenn ein Team genügend Vorsprung auf die Konkurrenz herausgefahren hatte, dann sollten die Fahrer die Plätze halten, in den Schongang zurückschalten und sich nicht mehr gegenseitig attackieren. Und so gab Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer damals auch das Zeichen an Manfred von Brauchitsch, der Dick Seaman jagte, langsamer zu machen. Von Brauchitsch hielt sich aber nicht dran und ging an Seaman vorbei. Seaman aber blieb dran und hetzte Von Brauchitsch.

Von Brauchitsch gegen Seaman
Als beide zum Boxenstopp kamen (das dauerte damals wesentlich länger als die Rekord-Haltezeiten heute), redete Neubauer mit beiden Fahrern. Von Brauchitsch, dem auf und neben der Strecke cholerisches Verhalten nachgesagt wurde, beschwerte sich über die Hetzjagd und so flehte Neubauer Seaman an, doch bitte langsamer zu machen und Von Brauchitsch heute gewinnen zu lassen. Dann gab es die Beinahe-Katastrophe an der Box: Der Mercedes von Von Brauchitsch ging in Flammen auf: Der Deutsche wurde aus dem Wagen gezerrt und zum Ersticken der Flammen auf dem Boden gewälzt. Seaman, die Order von Neubauer im Kopf, blieb stehen: „Ich dachte, ich soll Brauchitsch den Vortritt lassen…“ So hatte man damals eben rebelliert. Seaman fuhr natürlich dann aber weiter, gewann das Rennen, aber auch Von Brauchitsch stieg wieder in den Wagen ein, kam aber nicht mehr weit: Er crashte kurz darauf und war draußen.

Danals waren die Rennen deutlich länger, die Technik noch nicht so weit wie jetzt: Ausfälle waren häufig, eigentlich sogar die Regel. Daher war es damals natürlich nur allzu logisch, dass man auch behutsam fahren musste – deswegen auch die Nichtangriffspakte zu einem gewissen Zeit. Heute ist die Situation wieder ähnlich: Die Reifen halten nicht mehr lange, die Motoren müssen lange halten – also muss das Material geschont werden. Daher auch die Nichtangriffspakte in Malaysia.

Aber das war auch schon mal anders: Nach dem berühmten Vorbeilassen von Michael Schumacher beim Österreich GP 2002 wurde ein Verbot der Stallregie durchgeführt. Wie wenig das zu kontrollieren ist, zeigte sich spätestens in Spa 2005, als McLaren Juan-Pablo Montoya an die Box holte, damit Kimi Räikkönen, der in der WM noch Chancen auf den Titel hatte, das Rennen gewinnen konnte. Auch McLaren führte immer wieder mal Teamorder durch, etwa in Jerez 1997, oder auch in Australien 1998, als David Coulthard Mika Häkkinen Platz machen musste.

Ferrari ist für Stallorder aber bekannter: Schon in Österreich 2001 musste Rubens Barrichello Schumacher vorbei lassen, wenn es damals auch nur um den zweiten Platz ging. 1999 machte Schumacher dafür Eddie Irvine in Malaysia Platz. Und schon 1979 wich Gilles Villeneuve in Monza Jody Scheckter, damit der Südafrikaner seine WM eintüten konnte. Beim Brasilien GP 2007 machte Felipe Massa Platz für Kimi Räikkönen, der so mit einem Punkt Vorsprung auf die beiden McLaren-Piloten Lewis Hamilton und Fernando Alonso Weltmeister wurde. 2010 musste Felipe Massa Fernando Alonso beim Deutschland GP den Sieg schenken.

Auch Ferrari hatte lange einen Nichtangriffspakt. Der aber auch schon mal missachtet wurde – mit traurigem Ende: 1982 in Imola wähnte sich Gilles Villeneuve schon als Sieger, als Didier Pironi gegen die Teamanweisungen den Kanadier zum Duell herausforderte und gewann. Manche glauben: Diese Stallorder hätte es nie gegeben, aber Villeneuve und Pironi verließen Imola im Streit. Zu einer Aussprache kam es nie: In Zolder verunglückte Villeneuve tödlich.

Teamorder gibt es auf verschiedene Art und Weisen. Die skandalöseste gab es gewiss in Singapur 2008, als Nelson Piquet Junior seinen Renault in die Mauer steuern musste, damit die ausgelöste Safety-Car-Phase Fernando Alonso zum Sieg verhelfen konnte. Denn Alonso war vorher schon an der Box und nachdem das Safety-Car das Feld zusammen schob und dann alle anderen an die Box kamen, lag Alonso vorn.

Collins: Der unbelohnte Held
Einen seltsamen Fall gab es auch in Texas 2012: Damals täuschte Ferrari einen Getriebewechsel bei Felipe Massa vor. So musste der Brasilianer in der Startaufstellung fünf Plätze zurück und Fernando Alonso kam nach vorne – und auf die saubere Startseite. Bei Ferrari gab es auch den aufopferungsvollsten Fall von Teamorder: 1956 beim Saisonfinale in Monza schied Juan-Manuel Fangio aus. Ferrari wollte daraufhin Luigi Musso an die Box beordern, so dass der Italiener Fangio seinen Ferrari überreichen könnte. Damals waren Fahrerwechsel noch erlaubt, auch wenn es so nur noch halbe Punkte für jeden der beiden Fahrer gab. Musso weigerte sich, also überließ Peter Collins, der wie Fangio noch intakte WM-Chancen hatte, dem Argentinier seinen Ferrari. Mit den Worten: „Ich bin noch jung und hab noch Zeit, die WM zu gewinnen.“ Collins wurde nie Weltmeister: Er verunglückte tödlich.

Noch zwei sehr frühe Fälle von Teamorder: Beim Großbritannien GP 1927 überließ Edmond Bourlier dem großen Delage-Fahrer Robert Benoist den Sieg, obschon der Franzose schon alle anderen wichtigen GP-Rennen der Saison gewonnen hatte. Boulier kam nie in den Genuss eines GP-Sieges. Eine WM sollte es übrigens schon 1930 geben. Bugatti sah die besten Chancen auf den Titel mit Louis Chiron, deswegen musste Guy Bouriat beim Belgien GP auch für Chiron Platz machen. Die WM kam dann aber doch nicht.

Sliderfoto: Bridgestone Media Archive


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