!NS!DE RAC!NG diskutiert: Muss man ein Egoist sein, um Erfolg zu haben?

 

Ein Thema, zwei Meinungen. In dieser Woche wandern wir in leicht philosophischen Gefilden. Eine Glaubensfrage zwischen "Ich" und "Wir".

 

| Die Formel 1 ist ein Sport, besonders aber ein Geschäft. Darin kollidieren die verschiedenen Blickwinkel und ihre jeweiligen Interessen. Die Teams wollen naturgemäß mehr Geld verdienen als sie ausgeben. Kein leichtes Unterfangen angesichts der ausufernden Kostenspirale. In den Fabriken arbeiten Hunderte von Menschen, damit zwei Stars am Sonntag Gas geben können. Das Motiv der Rennställe ist demnach offensichtlich: Den gigantischen Aufwand in bestmögliche Resultate umsetzen, mit beiden Fahrzeugen. Dagegen pochen die Fans berechtigterweise auf Action, und zwar so lange, bis nichts mehr geht und sich kein Rad mehr dreht. Die Piloten wiederum stehen jedes Mal vor einem Grundsatzkonflikt. Sie sind Angestellte der Teams und haben gemäß den Weisungen ihrer Vorgesetzten zu handeln - eigentlich, denn der GP Malaysia hat uns wieder einmal gezeigt, dass Rennfahrer das Gewinner-Gen in ihrer DNA verpflanzt haben. Team-Wünsche hin, Stallorder her. Welchen Nachklang ein solcher Ego-Trip haben kann, bekommt Sebastian Vettel momentan zu spüren. Sogar für die notorisch aufgeregte Formel 1 ungewöhnlich lange. Da springt einem die Frage ins Gesicht: Trennt der Egoismus die Rennfahrer von den Champions?

Pro

Johannes Mittermeier: Nach mir die Sintflut

 

Es ist ein zweischneidiges Schwert, eine Kontroverse. Sebastian Vettel habe ich an anderer Stelle für sein Malaysia-Manöver gerügt und ihm Charakterschwäche vorgeworfen. Das müsste Nico Rosbergs noble Zurückhaltung mit Lorbeeren überschütten. Doch dem ist nicht so. Wir reden vom zweiten Rennen einer langen Saison und vor allem der unwidersprochenen Tatsache, dass Rosberg klar schneller gewesen wäre als Hamilton. Die Mercedes-Argumentation, man hätte einen Crash verhindern wollen, zieht nicht. Erstens war sich Hamilton seiner Situation völlig bewusst, zweitens hätte er sich gar nicht verteidigen können - Benzinsparen und Kampflinie stehen in einem gewissen Missverhältnis.  Auch wenn es die Silber-Connection verneinen wird: Für meine Begriffe hat Rosberg seit Malaysia seine Nummer-zwei-Stellung manifestiert - weil er ZU mannschaftsdienlich handelte. Ich glaube, nein, ich fürchte, dass man in diesem Business keine Skrupel und keine Gefangenen kennen darf, und dass der ausgefahrene Ellenbogen beim Aufstieg der Karriereleiter das wichtigste Hilfsmittel ist. Gefolgt von einem bruchsicheren Schutzpanzer. Ob Alonso ähnlich reagiert hätte? Oder Hamilton bei vertauschten Rollen? Fraglich. 

 

In der Phantasie der Romantiker gewinnt am Ende immer der oder das Gute. Doch die Realität ist rau und ruppig und ungerecht. Wenn man so will, repräsentiert die Formel 1 eine freischwebende Bühne des Alltags. Wer zu mild ist, zu weich, zu durchsetzungsschwach, der wird von der Umwelt gnadenlos gefressen. Schon Darwin erkannte in seiner Evolutionstheorie das Prinzip vom „Survival of the Fittest“ - nur die bestangepassten Individuen überleben. Auf den Rennsport übertragen, heißt das in etwa: Nach mir die Sintflut. Vettel hat durch sein Verhalten Sympathiepunkte eingebüßt, jedoch Weltmeisterschaftszähler gesammelt. Was ist (ihm) wohl bedeutender? Image oder Erfolg? Die Formel 1 kreist genug um Außendarstellung und Prestige. Für die Fahrer sollte nach wie vor der Sieg das Ziel sein, und letztendlich der Titel. Das bleibt hängen.

 

Weil aber überraschenderweise nur einer gewinnen werden kann, muss man sich positionieren in diesem Haifischbecken. Sein Revier abstecken und dabei ein paar Meter vom Territorium des Gegners abgrasen. Man muss ein Schwein sein auf dieser Welt, sang früher eine Band. Leider ist das so. Es gibt keinen Preis für das netteste Lächeln. Mit praktizierter Nächstenliebe wird man nie Weltmeister.

 

Dass eine Ich-AG an Grenzen stößt, brauche ich keinem erst erklären. Gerade in einem Sport, der Teamwork so essentiell benötigt wie Säuglinge ihre Muttermilch. Auf die Dosierung kommt es an. Und im Zweifel auf die Fähigkeit, seine Krallen auszufahren. Denn wer kuscht, verliert.

 

 

 

 

contraNatalie Rusch: Wer spricht denn hier von Kuscheln?


Fakt ist: In der Formel 1 gibt es Teams. Das sagt alles und die Diskussion ist beendet. Doch allein der Diskussion wegen kann man das natürlich noch erläutern und ausdehnen. Ein Team ist die kleinste Zelle einer Firma, man arbeitet zusammen, um ein Ziel zu erreichen. Man kann sich lieben oder hassen, aber ein Team bleibt man dennoch. Genau so ist das im Sport. Ein Fahrer ohne Team ist ein Nichts. Wir sind gerade in einer Phase, in der man sich dessen wieder bewusst wird, jetzt, wo ein einziger Mitarbeiter versucht, alle anderen zu dirigieren, dabei jedoch übersieht, dass er nicht der Chef ist, sondern nur ein Teil einer Zelle. Vielleicht zwar ein Mitochondrium, um mal bei der Sprache der Biologie zu bleiben, wenn wir schon Charles Darwin anführen, aber nicht mehr.

Die Geschichte hat keineswegs gezeigt, dass nur Egoisten Sieger sein können, im Gegenteil. Es scheint nur so, da vor allem die auffälligen Dinge in Erinnerung bleiben und das sind leider die Egotrips und nicht die soliden Siege oder gar Großzügigkeit und Fairness. Der nächste Schritt im Kreis des Glorifizierens von Pseudohelden des Sports ist es, alles was sie tun in einem anderen Licht erscheinen zu lassen. Das heißt nicht, dass nicht auch andere Fahrer, die man generell als fair betrachten würde, ihre egoistische Seite haben. Vielleicht ist es eine Rousseau-/-Locke-Frage. Ist der Mensch von Natur aus gut oder schlecht? Macht die Gesellschaft einen schlecht oder zähmt sie einen? Bei beiden Fragen steht am Ende die Antwort, dass der Mensch schlecht ist. Es gilt also diese Schlechtheit zu zähmen. Gerade, wenn man ein Sieger ist und im Licht der Öffentlichkeit steht. Genau deshalb ist die Vettel-Diskussion so wichtig. Weil die Mehrheit nicht wie er fand, dass man Webber da wegschaffen solle, damit er freie Fahrt hat. Man muss also nicht seine Ego-Seite heraushängen lassen, um zu gewinnen. Denn über den Sieg entscheidet das richtige Material zur richtigen Zeit und Talent. Möglichst egoistisch zu sein ist kein Talent. Aber es ist auch Philosophie.

Sehen auch die Leute, die im Alltag "Gutmensch" als Schimpfwort benutzen, bitte endlich ein, dass Egoismus nirgends funktioniert. Auch kann Egoismus nicht die Moral des Siegers sein, denn die Moral ist vor allem Moral selber: Nicht der Sieger ist der Gott, sondern der Sieg selber in Form von Victoria bzw. der griechischen Nike. Sie trägt Flügel und hat keineswegs etwas mit militärischem Siegen zu tun. Genau das aber ist es, wenn man sich den Sieg einfach nimmt. Es widerspricht schon dem Wort "Sieg" und ist gar pure Blasphemie. Jemand, der mit allen Mittel gewinnen will, zeigt keinen Siegeswillen, sondern nur, dass er des Siegens nicht würdig ist.

Also: Nein, man muss kein Egoist sein, um gewinnen zu können. Es schließt sich aus.

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