Rennen im Rückspiegel - GP China 2007: Vom Sumpfgebiet verschlungen

Geschrieben von: Johannes Mittermeier.

 

Vor sechs Jahren ist der Große Preis von China nicht wie heute der dritte, sondern der vorletzte Saisonlauf. Das erscheint nebensächlich, ist jedoch ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Legende von der WM, die von einer Boxen-Einfahrt entschieden wird.


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Schanghai (!NS!DE RAC!NG) - Der Mann im weißen Hemd und dem lichten Haupthaar rudert mit den Armen. Immer wieder. Immer schneller. Es ist einer der wenigen Momente, in denen er hilflos ist, verzweifelt fast, weil er nichts ausrichten kann. Er weiß das. Akzeptieren will er es nicht. In seinem Weltbild ist kein Platz für besondere Sentimentalitäten, nicht einmal im Erfolgsfall. Doch das ist kein Erfolgsfall. Er hätte es werden können, in zwei Wochen in Brasilien, er könnte es noch immer werden, aber irgendwie ist klar, dass sich Zentimeter vor dem Ziel eine Mulde aufgetan hat. Nur wie tief sie ist, das kann in der 31. Runde des Grand Prix von China niemand beurteilen.


Ron Dennis sitzt auf seinem Stuhl, vor ihm sind Monitore in einem El Dorado der Technik angebracht. Doch in jenem Augenblick ist die ausgefeilteste Wissenschaft den Mächten der Natur ausgeliefert. Und Dennis, dieser berechnende Analytiker, der nichts dem Zufall überlassen will, gleich mit.

Schiebt ihn! Nun schiebt ihn doch, verdammt! Er deutet es an, gestikuliert, am Liebsten hätte er die asiatischen Streckenposten höchstpersönlich am Schlafittchen gepackt und ihnen sein Verlangen eingebläut. Anschieben! Umsonst. Alles umsonst.

Lewis Hamilton steckt fest.

Das Kiesbett gewährt kein Entkommen. Der Regen hat es zu einer Masse verformt, die kein Strudel ist, aber wie ein Sumpfgebiet arbeitet. Wer einmal hineingerät, der findet nicht mehr heraus. Die Hinterräder drehen durch, doch der Wagen bewegt sich nicht. Stillstand. Grauenvoller Stillstand.

Permanent vor der Eskalation

Der McLaren-Mercedes-Pilot liegt auf dem zweiten Platz hinter Ferrari-Mann Kimi Raikkönen, als er zum dringend benötigten Reifenwechsel in die Box kommen soll. Die Mischbedingungen in Schanghai haben Teams und Fahrer seit dem Start unter Strom gehalten. Mal mehr Regen, mal weniger. Mal die Prognose eines Wetterumschwungs, mal das komplette Gegenteil. Je nach Sichtweise.

Hamilton ist 22 Jahre alt und fährt seine erste Formel-1-Saison. Wie ein Komet hatte er eingeschlagen und das Establishment nach dem Rückzug von Michael Schumacher zu einer weiteren Neuorganisation gezwungen. Dem amtierenden Weltmeister Fernando Alonso zeigt er bei McLaren in regelmäßigen Abständen seine Heckpartie. Trotz eines permanent vor der Eskalation stehenden Verhältnisses greift Hamilton in den WM-Kampf ein und steht nach seinem Sieg in Japan vor der Sensation: Er kann als erster Neuling auf Anhieb den Titel gewinnen. Sogar vorzeitig. Beim vorletzten Saisonrennen in China.

Seine Konkurrenten: Alonso und Raikkönen. Im Qualifying konzentrieren sich die geladenen Teilchen auf die ersten beiden Reihen. Hamilton holt die Pole Position vor Raikkönen, dessen Scuderia-Teamkollegen Felipe Massa und Alonso. Je länger die Saison dauert, desto mehr verbreitet der Spanier internen Stunk. Aber auf der Strecke verpasst er ein ums andere Mal den Anschluss. Vielleicht ein Wechselspiel. Vielleicht Zufall. Hamilton kommt es nicht wirklich ungelegen.

Bei McLaren atmen sie erleichtert auf...

Über Schanghai liegen dunkle Wolken. Einige davon öffnen kurz vor dem Start ihre Pforten und schicken das unberechenbarste Element auf die Asphaltbahn nieder. Regen. Aber wie viel? Wie intensiv? Wie lange? Das sind die entscheidenden Fragen in den entscheidenden Sekunden vor dem Showdown.

Die Piste ist nass, auf alle Wagen sind Regenreifen geschnallt, und Hamilton sprintet vom Fleck weg in Führung. Bei den ersten Boxenstopps behalten die WM-Anwärter ihre Positionen - und ihre Bereifung. Manche, die nichts zu verlieren haben, spielen die Risiko-Karte aus: Trocken. Robert Kubica im BMW-Sauber ist einer von ihnen. An der Spitze liegt Hamilton vor Raikkönen. Der Belag trocknet auf, langsam, aber stetig. Und der Brite gerät in Probleme. Seine Pneus sind weitaus stärker abgenutzt als die Sohlen des Ferrari-Finnen.

Um Runde 25 verkürzt Kimi den Abstand schlagartig von fünf auf unter zwei Sekunden. Einen ersten Angriff kann Hamilton noch kontern, den zweiten nicht. Jeder sieht, dass Lewis frische Reifen braucht, spätestens jetzt, damit er wenigstens den zweiten Platz retten und eine exzellente Ausgangsposition für das Finale in Brasilien schaffen kann. Es gibt nur ein Problem: Erneut setzt Regen ein, unregelmäßig und variierend. So kommt es, dass einige Fahrer auf Regen - und andere zur selben Zeit auf Trockenpneus wechseln.

Nur bei Hamilton geschieht nichts. Weil McLaren unschlüssig ist, was besser ist. Also warten. Noch ein bisschen. Zwei Runden. Wenigstens eine.

Am Ende des 31. Umlaufs steuert das chromfarbene Auto mit dem gelben Helm die Garage an. Es schleicht dahin. Die Reifen sind total hinüber. Kein Profil mehr, keine Haftung. Aber bei McLaren atmet sie erleichtert auf. Der Schaden wird minimiert. Hamilton ist schon in der Boxen-Einfahrt.

Dann nimmt er die scharfe Linksbiegung einen Tick zu rasant - und buddelt sich im Zeitlupentempo in einem der letzten verbliebenen Kiesbetten fest...

Wie von oben gesteuert

„Es ist mein erster Fehler des Jahres“, murmelt der Brite mit leiser Stimme. „Aber du kannst nicht durchs Leben gehen ohne Fehler zu machen. Die Reifen waren am Ende, es war wie Fahren auf Eis.“

Das Missgeschick findet einen Platz in den Formel-1-Geschichtsbüchern, und es begünstigt eine ganze Reihe Anderer. Raikkönen ist der Sieg nicht mehr zu entreißen, Alonso überholt beim Wechsel auf Trockenreifen den zu lange zögernden Massa. Der angesprochene Kubica liegt zwischenzeitlich sogar in Führung, weil er durch einen deutlich früheren Stopp viel Zeit gewonnen hatte. Doch mit dem ersten Grand-Prix-Erfolg sollte der Pole noch bis Kanada 2008 warten müssen - die Hydraulik lässt den chinesischen Traum wie eine schnöde Seifenblase platzen.

Die Podiumsplatzierungen sind damit zementiert. Dahinter deutet ein junger Deutscher an, dass mit ihm in den folgenden Jahren zu rechnen sein wird. Sebastian Vettel nutzt die Wetterkapriolen optimal zu seinen Gunsten, wechselt immer zur richtigen Zeit auf die richtigen Reifen und überquert mit seinem Toro Rosso die Ziellinie als herausragender Vierter. Stallkollege Vitantonio Liuzzi macht die Party mit Rang sechs komplett. Jenson Button (Honda) schiebt sich dazwischen, Nick Heidfeld (BMW-Sauber) und David Coulthard (Red Bull) beschließen die Top Acht.

Lewis Hamilton aber wird in Sao Paulo vom Regen in die Traufe gelangen. Das kann Ron Dennis noch nicht wissen, als er von Hektik gepeinigt den Fehler im System sucht - und ihn nicht findet. Manchmal scheinen Dinge von höherer Stelle gesteuert zu sein. Dieses aufgeweichte Kiesbett musste sich wohl exakt dort befinden, genauso schicksalshaft wie Hamilton ein Jahr später all das zurückbekommt, was ihm am 7. Oktober 2007 in China verloren geht. JM

 

Vorschau

Spanien: Als die letzte Runde eine zu viel war.

 

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