Rennen im Rückspiegel: Bahrain 2011/2012 - The show must go on

Geschrieben von: Natalie Rusch.

„Verlache den kleinen Kern nicht, denn eines Tages wird er ein Palmbaum sein“, besagt ein arabisches Sprichwort. Es könnte nicht passender sein, dass die Revolte in der arabischen Welt in den Frühling 2011 fielen. Zu jener Zeit also, als in Bahrain im März der Saisonauftakt der Formel 1 stattfinden sollte. Ein Grand Prix, den es nicht gab, im Rückspiegel.

 

Rennen im Rückspiegel: Bahrain 2011/2012 - The show must go on
von Natalie Rusch und Michael Zeitler

ruckblick_logoBahrain (!NS!DE RAC!NG) - Bahrain, das klang zu Beginn des Jahrtausends nach neuem Markt. Nach Öl, nach Geld, nach Prestige unter dem Halbmond. Ein exotischer Wüsten-Grand-Prix in einer Umgebung, in der Geld keine Rolle spielte, beziehungsweise je nach Sichtweise die Hauptrolle. Es wurde eine Strecke aus dem trockenen Boden gestampft, ein Streifen Rasen neben die Start- und Zielgerade verlegt und fertig war der erste Parcours des Symbols des Westens und des Kapitalismus in der arabischen Welt. Und 2004 kam sie dann, die Formel 1, und führte ihre Kunststücke vor den Augen der weißen Gewänder auf, die dafür Millionen bezahlt hatten. Doch 2011 fragte man sich, wer tatsächlich so teuer dafür bezahlt hatte und noch bezahlen muss.

Als zu Beginn des Jahres 2011 das Volk der Staaten des südlichen Mittelmeers aufbegehrten und reihenweise ihre Diktatoren stürzten, kochte auch in Bahrain die Wut der Bürger. Erstmals rückte in der Weltöffentlichkeit die Frage ins Bewusstsein, ob Bahrain denn etwa nicht einer der reichen Ölstaaten ist, wo alle Bürger Scheichs sind und mit Ferraris über die modernen Straßen fahren, die Gastarbeiter gebaut haben. Erstmals bekam man nun eine Skizze eines Porträts des wahren Bahrain, das auch für die Formel-1-Anhänger ein anderes war als es zuvor am Rande der bloßen Fernsehübertragung geschienen hatte. Plötzlich war auch Bahrain ein Land mit Problemen, Aufständen und Panzern, die diese versuchten niederzuwalzen.

Qassim Haddad, der bekannteste Schriftsteller des Landes, war im Dezember 2011 in Deutschland zu Gast und erklärte den Konflikt in Bahrain in einem Interview mit dem Deutschlandfunk als "Zusammenprall zwischen Alt und Neu". Das Volk lebe im 21. Jahrhundert, aber die "herrschende Kaste" befände sich in der Vergangenheit. Die Mehrheit des Volkes ist schiitisch, die Monarchen jedoch sind Sunniten.
Der Grand Prix wurde von den Mächtigen in das Land geholt, die sich gerne im Prestige der Königsklasse sonnten, ein teurer Zirkus für den Adel, ein Stück Moderne für ein alterndes und vom Volk als ungerecht und ungleich empfundenes System.

Da ausgerechnet in dieser Zeit der Saisonauftakt in Bahrain stattfinden sollte, bahnten sich die politischen Meldungen auch ihren Weg in die Fachmedien des Motorsports und damit mitten hinein in das Zentrum der Unterhaltung, die die Formel 1 darstellt. Äußerst unpassend für die Organisatoren um Scheich Salman Bin Isa Al Khalifa. Doch während die Medien nach Worten suchen und auf Handlungen warten, schweigen die Verantwortlichen. Organisatoren, das Management der Formel 1, Teams, Fahrer. Maximal Bedenken an der eigenen Sicherheit werden geäußert, denn dies ist das einzige Terrain für Einwände, die die Beteiligten haben dürfen, ohne sich mitten hinein in die Diskussion um Sport und Politik zu manövrieren. Wer hier schweigt, darf auch zu Menschenrechtsverletzungen in China schweigen oder zu der Situation in Indien.

Doch schließlich wird das Rennen abgesagt. Nicht um ein Zeichen zu setzen, sich auf die Seite der Demonstranten zu stellen, sondern um ihnen im Gegenteil nicht nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, während für eine Woche die Motoren am Golf brummen und für Unterhaltung der Reichen und der Europäer vor ihren Fernsehgeräten sorgen sollen. Um den Medien keinen Anlass zu geben, die Diskussion um die Expansion des Imperiums von Bernie Ecclestone hin zu den fragwürdigen Neuen Märkten auszuweiten und den Zirkus zu stören. Jedoch ist die Absage nur eine vorläufige, ein Ersatztermin soll gesucht werden. Eine Ohrfeige für die Demonstranten. Man kommt wieder, wenn das Volk zum Schweigen gebracht wurde. Wenn die Revolte in der arabischen Welt vorbei sind und man zurück in den Alltag kann, auf die Seite des Ölreichtums und der Sorglosigkeit.

Erst im Juli 2011 kommt es zur endgültigen Absage, nachdem zuvor ein Ausweichtermin Ende Oktober ausgemacht war. Welch einfache Rechnung es ist, zu glauben, dass ein Frühling der Revolte aufhört, wenn es Herbst geworden ist. Man hatte gehofft, die zweite Bahrain-Diskussion  innerhalb eines Jahres ebenso schnell beenden zu können wie die erste, doch ausgerechnet Zayed Alzayani, Vorsitzender der Rennveranstaltung, macht das ganz große Fass auf. Jenes, vor dem sich Ecclestone gefürchtet haben muss, denn es zwingt ihn etwas zu sagen  zu seinem Erweiterungskurs hin in Staaten mit aufstrebendem Reichtum, der Eliten in Geld schwimmen lässt und das Volk in einem anderen Jahrhundert zurücklässt. Es zwingt ihn, Sätze zu sagen wie: „Wenn die Menschenrechte ein Kriterium für Formel-1-Rennen wären, dann würden wir nur in Belgien und der Schweiz fahren.“

Während die Mehrheit der Teams und Fahrer vornehm schwieg, äußerte sich vor allem Mark Webber (Red Bull), der nicht dafür bekannt ist, ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Doch auch Mark Webber wählte ungewohnt durchdachte Worte und sagte: „Wenn in einem Land wirklich Leute verletzt werden, dann sind das Angelegenheiten, die größer sind als der Sport.“ Ein diplomatischer Politikersatz. Doch Alzayani antwortete ihm in einem Interview mit dem Evening Standard: „Aber hat nicht Australien Probleme mit den Aborigines? Ich weiß nicht, warum Webber gegen Bahrain ist. Er fuhr mehrmals in Bahrain und hat es immer geliebt. Bei den vergangenen sieben Grands Prix gab es nie Kritik.“
Die sieben Grand Prix zuvor, das war bevor man die Augen für das richtige Bahrain geöffnet bekam. Bevor man nicht mehr dachte, dass alle Bürger Ölscheichs seien. Bevor man Grund hatte zu zweifeln, ob die Neuen Märkte, die die Formel 1 und ihre Akteure wie Könige behandelte und in Watte packte, tatsächlich das sind was sie scheinen. Alles war vor der Frage, ob diese Akteure mündige Sportler sind oder nur Zirkusclowns.

Dann 2012, the show must go on. Der arabische Frühling verliert seine Kraft, im Westen stellt man fest, dass diese neuen Demokratien dort etwas anderes sind und sein werden als die Herrschaft des Volkes im Westen. Ein Jahr war auch in Bahrain Zeit zum Aufräumen, das heißt zum Vergessen machen. Die Formel 1 sollte definitiv zurückkehren und sie tat es. Die Aufgabe war, eine makellose Unterhaltungsshow zu zeigen, die keinen Raum lässt für lästige Diskussionen über Politik. Das Volk hat kein Brot? Dann soll es Kuchen essen.

Viele Diskussionen im Vorfeld des Rennens - aber hinterher atmete zumindest die F1-Szene tatsächlich auf: Sportlich war es nämlich durchaus spannend. Weil keiner mit einer so starken Fahrt von Kimi Räikkönen gerechnet hat: Der Finne qualifizierte sich nur für Startplatz elf. Fahrer, die nicht in die Top-10 des Qualis gekommen sind, können sich aber die Wahl der Pneus frei aussuchen und daher die beste Rennstrategie zurechtlegen. Ein Vorteil, der gerade bei einer Reifenlotterie wie aktuell, aber eben auch damals, die schlechtere Startposition fast schon aufwog.

Dazu kam, dass der Lotus Renault einfach richtig flott war: Auch Romain Grosjean zeigte, dass er durchaus vorne mitfahren kann, wenn er die erste Runde mal ohne Crash übersteht: Er wurde am Ende Dritter. Damit feierte der Franzose zwar sein erstes F1-Treppchen, aber er musste sich Teamkollege Räikkönen geschlagen geben. Der Finne zeigte, was ein starkes Comeback ist und machte am Schluss sogar noch Sieger Sebastian Vettel Druck.

Vettel gewann vom Start weg und hatte erst am Ende mit Räikkönen einen Gegner. Lewis Hamilton, der mit Vettel aus der Ersten Startreihe gestartet ist, wurde durch verpatzte Boxenstopps zurückgeworfen. Da stand die McLaren-Boxencrew noch in Kritik, später im Jahr aber war man so schnell beim Reifen wechseln, wie sonst kein Team. Vettels Teamkollege Mark Webber konnte ebenfalls nicht im Kampf um den Sieg eingreifen: Er hatte in Runde eins Mal wieder den Ausfall des Energierückgewinnungssystems KERS zu beklagen.

Das war sie, die makellose Show. Zwei Stunden Bilder von fahrenden Autos und jubelnden Tribünen. Demonstranten, darunter einer, der am Rande von Protesten um das Rennen ums Leben kam, nur jenseits des Bildrandes. Ein Molotow-Cocktail, der gegen ein Teamfahrzeug von Force India geworfen wurde? Zurückgelassen in den Straßen von Bahrain. Die Show geht weiter, auf ein neues dieses Wochenende am Golf, hinter Graffitis mit „No for the bloody Formula“.  NR, MZ

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